Venice war ein verschlafenes Fischernest, als Ingenieure in den sechziger Jahren zum ersten Mal in die Küstenlinie eingriffen. Am Nordende des Strandes gruben sie einen Kanal ins Hinterland, um Frachtschiffe vom Ozean auf ruhigere Binnengewässer umzuleiten. Überall in Florida gibt es diese Kanäle, ein dichtes Netz aus Wasserwegen durchzieht die Landschaft, und wie viele andere Orte im Sunshine State blühte Venice dadurch auf. Fremde zogen in die Stadt, sie bauten Villen an die Ufer des Kanals, mit Bootsstegen für ihre Luxusjachten, und am Strand eröffneten Hotels und Restaurants. In der ersten Reihe entstanden die Apartmentblocks.

Wie in Blanes dauerte es, bis man begriff, warum der Strand auf einmal schrumpfte.

"Die Buhne", sagt Marlowe, "war das Problem."

Um zu verhindern, dass Treibsand den Kanal verstopft, hatte man an seinem Eingang eine hundert Meter weit ins Meer reichende Mauer aus Beton gesetzt, eine Barriere, die die Strömung vom Ufer weglenkte. Es kam jetzt kein Sand mehr dorthin, wo der Kanal begann. Aber es kam auch kaum noch Sand zum Strand.

Wie in vielen Orten, deren wichtigstes Kapital der Strand ist, drohte das Meer in Venice nicht nur den Sand, sondern auch den Wohlstand fortzuspülen. Ohne Sand verlieren die Immobilien an Wert, ziehen die Leute weg, brechen die Steuereinnahmen ein. In Venice hatte man Angst, sich in ein Fischernest mit leer stehenden Apartmentblocks zurückzuentwickeln.

Das war der Moment, in dem sich ein alter Freund, der bei der Stadtverwaltung arbeitete, an Marlowe erinnerte. Marlowe lobbyierte damals in Washington für die Eisenbahner-Gewerkschaft, er verstand zwar nichts von Sand, aber in Venice hoffte man, dass er über die richtigen Kontakte im Kongress verfügte. Tatsächlich gelang es Marlowe, 20 Millionen Dollar Steuergeld loszueisen. Ende 1994 begannen die Arbeiten. Aus einem Unterwasserdepot einige Meilen vor der Küste wurden eine Million Tonnen Sand auf Schiffe gepumpt, die ihn ans Ufer transportierten. Schaufelbagger verteilten ihn, Planierraupen walzten darüber. Alle zehn Jahre wird die Prozedur wiederholt.

Die amerikanische Regierung finanziert solche Projekte, weil Strände ein wirksamer Schutz gegen Stürme sind. Wenn Hurrikans auf die Küste zurasen, wirken sie wie Puffer gegen die Flut. Aufwirbelnder Sand dämpft zusätzlich die Wucht der Brandung. Der Küstenschutz ist Marlowes einträglichstes Argument.

2013, nachdem der Hurrikan Sandy den Osten der USA verwüstet hatte, bewilligte der Kongress die Summe von 5,4 Milliarden Dollar, um die Küstenlinie wiederherzustellen. Derzeit werden dort so große Sandmassen bewegt wie nie zuvor in der amerikanischen Geschichte.

Es sind Rettungsversuche, die nötig werden, weil der Mensch den Stränden den Nachschub abgeschnitten hat. Kanäle und von Beton eingefasste Flüsse verändern Meeresströmungen, Wehre und Staudämme halten nicht nur das Wasser auf, sondern auch den Sand. Eigentlich würden die Flüsse der Welt jedes Jahr 500 Millionen Lkw-Ladungen Sand in die Meere spülen, aber heute bleibt ein Drittel davon unterwegs hängen. Die Rhone in Frankreich und der Ebro in Spanien transportieren heute zwanzigmal weniger Sedimente ans Meer als noch 1950, am riesigen Delta des Nils in Ägypten kommt gar nichts mehr an.

Mittlerweile kreuzen überall auf der Welt riesige Staubsauger-Schiffe über die Ozeane und holen Sand vom Meeresboden. In Venice soll im Herbst die dritte Aufschüttung beginnen. Die Strände von Marbella und Teneriffa sind inzwischen künstlich, genauso wie die berühmten Stadtstrände in Barcelona, Tel Aviv und Rio de Janeiro. Dubai hat vor seiner Küste riesige Inseln in der Form von Palmen aufgeschüttet. Strände auf den Malediven, im mexikanischen Cancún oder auf Hawaii – sie alle würde es ohne Liftings nicht mehr geben. An den deutschen Küsten geht es den meisten Stränden noch gut. Aber mancherorts, wie im Ostseebad Kühlungsborn und auf der Nordseeinsel Wangerooge, verursachen die Aufschüttungen schon hohe Kosten.

In Florida sagt Howard Marlowe, für manche Kunden habe er bereits ein Dutzend Mal denselben Strand erneuert. Es wirkt wie eine Sisyphos-Idee: als könnte man durch immer neues Aufschütten von Sand den Lauf der Welt aufhalten.

"Wenn wir unseren Lebensstandard bewahren wollen", sagt Marlowe, "dann haben wir keine Alternative."

"Es wäre eine Illusion, zu glauben, dass wir auf diese Weise unsere Küsten verteidigen können", sagt Harold Wanless.

Auch Wanless ist ein älterer Herr, wie Marlowe, 72 Jahre ist er alt, aber noch immer leitet er an der Universität von Miami die Abteilung für geologische Studien. Seit mehr als dreißig Jahren studiert Wanless die Erosion der Küsten, kaum jemand hat sich so eingehend mit dem Verhalten von Sand beschäftigt wie er.

Schon Anfang der siebziger Jahre schickte Wanless dem damaligen US-Präsidenten Richard Nixon einen Brief: ob die Regierung wirklich plane, künftig jedes Jahr 200 Milliarden Dollar für den Erhalt der Strände auszugeben. "Selbstverständlich hat Nixon nie geantwortet", sagt Wanless.

Wanless verfällt oft in diesen sarkastischen Ton, der vielen Wissenschaftlern zu eigen ist, die sich daran gewöhnt haben, dass man ihre Warnungen nicht ernst nimmt. Gemeinsam mit seiner Frau finanziert er in Indien ein Heim für Straßenkinder. Ihm erscheint das als bessere Investition in die Zukunft als all die Drainagepumpen und Abwasserrohre, die sie jetzt in Miami Beach verlegen, um ein vollständig auf Sand gebautes Stadtviertel vor den Angriffen des Wassers zu schützen.

"Was für ein gewaltiger Irrsinn", murmelt Wanless, als er dort mit einem Schirm in der Hand am Strand im Regen steht. Er bückt sich, greift in den matschigen Sand und zerreibt die Partikel zwischen seinen Fingern.

"Wenig Quarz, viel Schrott", sagt er. "Das bleibt nicht lange liegen."