Sandkörner sind für Wanless Individuen mit einer eigenen Geschichte. Ihre Form erzählt von ihrer Herkunft aus Gebirgsgestein, aus Lava, Muscheln oder Korallen und von ihrem Weg um die Welt, auf dem Wasser, Wind und Kälte sie schliffen und polierten. Wanless hat Sandproben von natürlichen und aufgeschütteten Stränden verglichen. Er hat den Sand gesiebt und unter ein Mikroskop gelegt, er hat ihn auf seine Eigenschaften untersucht, seine Dichte, seine Härte, und schließlich hat er die Körner durch eine kleine Maschine gejagt, die die Kräfte anbrandender Wellen simulierte. Was Wanless herausfand, müsste jemanden wie Howard Marlowe erschrecken.

Die meisten aufgeschütteten Partikel sahen anders aus als die von den natürlichen Stränden, die hauptsächlich aus Quarz bestehen. Sie waren gröber, platter, nicht so rund geschliffen, weil es auf dem Grund des Meeres, von wo man sie geholt hatte, keinen Wind und keine Wellen gibt. Die Teilchen zerbröselten in Wanless’ Maschine, so wie sie am Strand zerbröseln. Sie werden klein und leicht, fast wie Staub, der von der Brandung weggewaschen wird.

"Aufgeschüttete Strände", sagt Wanless, "erodieren bis zu zehnmal schneller als natürliche. Bei starken Stürmen können sie problemlos hundert Fuß verlieren. Dreißig Meter. Über Nacht."

Je hartnäckiger wir nach dem Sand greifen, desto mehr, so scheint es, rieselt er durch unsere Finger.

Weil die weggewaschenen Partikel so leicht sind, sinken sie nicht auf den Meeresgrund zurück. Sie treiben durch das Wasser vor der Küste, trüben es ein, verfangen sich in den Korallen, ersticken sie. "Wir zerstören Paradiese", sagt Wanless.

Für Wanless ist das immer neue Aufschütten von Stränden eine sinnlose Verschwendung von Steuergeld, das man auch gleich ins Wasser kippen könnte. Der Aufwand wird immer größer, weil die Sanddepots in Küstennähe vielerorts erschöpft sind. In Palm Beach denkt man bereits darüber nach, zermahlenes Glas auf den Strand zu kippen. Der Landkreis Broward nördlich von Miami hat in seiner Verzweiflung bei Nachbarkreisen um Sandspenden gebeten, aber die haben abgewinkt. "In Zukunft", sagt die Kreisvorsteherin von Broward, "werden wir Kriege führen um den Sand."

"Das Schlimmste an den Aufschüttungen", sagt Wanless, "ist aber diese trügerische Sicherheit, die von ihnen ausgeht."

Strände waren immer etwas, das in Bewegung war. Die Kräfte der Natur haben sie im Laufe der Jahrtausende verschoben. Stieg der Meeresspiegel, wanderten die Strände zurück ins Landesinnere. "Dieses Ausweichen", sagt Wanless, "ist heute nicht mehr möglich." Straßen, Brücken, Promenaden, Abwassersysteme versperren der Natur den Weg. Sie machen die Küsten unverrückbar.

Wenn die Vorhersagen der Klimaforscher stimmen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die anschwellenden Meere die Strände überfluten. Schwere Tropenstürme werden künftig noch häufiger große Stücke aus der Küstenlinie brechen. Gut möglich, dass ein Stadtteil wie Miami Beach in fünfzig Jahren die Erinnerung an den Strand nur noch in seinem Namen aufbewahrt.

Der Sand wird knapp, und die Knappheit macht ihn kostbar. Auf einmal ist Sand etwas, womit sich ein Vermögen verdienen lässt. Denn Sand ist nicht nur das Material, aus dem der Sehnsuchtsort Strand besteht, er ist auch der Rohstoff für die Bürotürme, Mietshäuser, Autobahnbrücken und Flughäfen dieser Welt. Es ist der Sand, der die Megacitys der Welt wie Mumbai, Lagos, Shanghai, Dhaka, Kairo und São Paulo wuchern lässt.

All diese Städte sind aus Beton gebaut. Und Beton besteht aus Sand, meist zu mindestens 40 Prozent. Nicht aus Wüstensand, dessen Körner als untauglich gelten, weil sie zu schlecht haften, sondern aus Sand, den man aus Flüssen fördert oder von Stränden abträgt, auf denen keine Touristen liegen.

Wegen des weltweiten Baubooms sind Sand und Kies heute nach Wasser die meistverbrauchten Rohstoffe der Erde – die Vereinten Nationen schätzen den jährlichen Bedarf auf 40 Milliarden Tonnen, mehr als je zuvor in der Geschichte. China allein hat in den vergangenen drei Jahren mehr Sand verarbeitet als Amerika im gesamten 20. Jahrhundert.

Und Sand steckt nicht nur im Beton. Ohne Sand gibt es kein Glas. Keinen Asphalt. Kein Plastik. Auch in Shampoo, Zahnpasta, Wein, Klebstoff, Farben, Mikroprozessoren für jegliche Art Elektrogerät wird Sand verarbeitet. Rein rechnerisch verbraucht jeder Europäer 4,6 Tonnen Sand im Jahr.

Es ist nicht nur das Meer, das den Sand vom Strand wegholt, es ist auch der Mensch.

Während in hoch entwickelten Ländern wie Deutschland die Behörden den Abbau regulieren, wird der Sand in China oder Indien der Natur entrissen, wo es welchen gibt. Auf indischen Flüssen liegen Boote mit Saugpumpen, an den Ufern und in Kiesgruben graben Arbeiter, als seien sie auf der Suche nach Gold. Wenn sie nicht genug Sand finden, dann gehen sie ans Meer.

In Indien schütten sie die Strände nicht auf. Sie tragen sie ab.

Als vor Sumaira Abdulalis Haustür der Strand verschwand, lag der Gedanke an Naturgewalten fern. Es war eine stille Nacht am Indischen Ozean, die Abdulali in dem Ferienhaus verbrachte, das einst ihr Großvater gebaut hat. Die Wellen rauschten so sanft, als wollten sie die Küste streicheln, aber plötzlich schreckte Abdulali aus dem Schlaf auf. Sie hörte Rufe, die Motorengeräusche von Baggern, die sich in weichen Boden gruben. Als sie sich am Morgen aus dem Haus wagte, öffneten sich tiefe Löcher im Strand. Sie sahen aus wie Gräber, ausgehoben unter Kokospalmen.

Sanddiebe!, dachte sie.

Zehn Jahre ist dieser Morgen her, er hat Sumaira Abdulali radikalisiert. Sie hat eine NGO gegründet, deren Name, Awaaz, so viel wie "Lärm" bedeutet. Abdulali macht Krach, um vor den Verbrechern zu warnen, die überall in Indien den Sand stehlen, weil sich mit ihm viel Geld machen lässt. "Die Sand-Mafia", sagt Abdulali, "ist die mächtigste kriminelle Organisation unseres Landes."

Sie hat Morddrohungen erhalten und ist vor Schlägern geflohen. Es gab den Versuch, den Wagen, in dem Abdulali mit einem Journalisten saß, von einer Brücke zu drängen, aber bislang kam sie immer davon.