An einem schwülheißen Morgen sitzt sie im Fond einer weißen Limousine, die ihr Fahrer durch Mumbai steuert, eine 53-jährige Frau, deren Hartnäckigkeit sich hinter einem sanften Wesen verbirgt. Sumaira Abdulali stammt aus altem Bürgertum, ihr Mann ist ein erfolgreicher Recyclingunternehmer. Die Augen von Müdigkeit umschattet, blickt sie nach draußen auf das indische Chaos. Eselgespanne, Mopedschwärme, Frauen mit ausgemergelten Gesichtern auf dem Weg zum nächsten Brunnen. Dann Baustellen und Kräne, glitzernde Wohntürme, auf denen Botschaften stehen: "Stop existing – Start living". Es ist eine Welt zwischen den Zeiten. Noch vor wenigen Jahren gab es hier nur Fischerdörfer, eingefasst von Mangrovenwäldern. Heute ist Mumbai eine der am schnellsten wachsenden Metropolen der Erde.

Abdulali dirigiert ihren Fahrer zum schmalen Ende einer Bucht, die sich tief ins Landesinnere zieht. In der flirrenden Hitze liegen Dutzende Holzboote am Ufer, darauf Hunderte Männer, ein Gewimmel aus sehnigen, halb nackten Körpern, die Plastikwannen voller brackiger Sandklumpen an Land bugsieren. An der Auffahrt wartet schon die Kolonne der Trucks.

"Als wären es Blutdiamanten", murmelt Abdulali.

Von einem Verbindungsmann hat sie erfahren, dass die Mafia sich hier Sand beschafft. Ihre Augen wandern umher. Kein Aufpasser zu sehen. Abdulali stapft hinunter zu den Booten. Sie ist hier, um den Sanddiebstahl zu dokumentieren, sie will einen Report schreiben.

Dann steht sie vor einem Mann Ende dreißig, der nur ein Handtuch umgeschlungen hat. Von seiner nackten Brust perlen Wassertropfen. Abdulali fragt ihn, wer er sei.

"Ich bin einer der Taucher", sagt er leise.

In dürren Sätzen schildert der Mann, wie er den Sand aus der Tiefe holt, damit Mumbai weiter in den Himmel wachsen kann. Jeden Tag ist er hier. Vier Stunden tauchen. Zwischendurch ein Schluck vom Whisky gegen die Angst. Unten im Wasser die Schwärze vor den Augen. In der rechten Hand den Eimer, die linke um eine Bambusstange, so gleitet er hinab in 17 Meter Tiefe, ohne Maske, ohne Sauerstoffflasche. Mit den Füßen wühlt er nach Sand. Mit der rechten Hand stopft er den Eimer voll. Bloß nicht die Stange loslassen, sonst zieht ihn die Strömung in den Tod. Nie länger als zwei Minuten unten bleiben. 200 Tauchgänge pro Schicht, Lohn um die 15 Euro, zehn Tote dieses Jahr, einige davon Kinder. Und viele geplatzte Trommelfelle.

"Wir müssen immer tiefer runter", sagt er. "Oben ist kein Sand mehr."

Der Taucher arbeitet für eine Handvoll Männer, die den Sandabbau in Mumbai kontrollieren. Die meisten von ihnen besitzen keine Förderlizenzen. Sandabbau ist traditionell ein lokales Geschäft. Tanker und Pipelines transportieren Öl über Ozeane und Kontinente, aber Sand wird möglichst nah von dort aus der Erde geholt, wo man ihn braucht. Er scheint ja in Unmengen auf öffentlichem Grund vorhanden zu sein, in Flüssen, am Meer.

Es ist paradox: Gerade weil Sand überall herumliegt, ist der Markt in einem korrupten Staat wie Indien nicht frei. Gerade weil es um einen Allerweltsstoff geht, haben sich Strukturen gebildet, die denen des Drogenhandels ähneln.

Im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh konfiszieren die Behörden 100 Lkw-Ladungen voller Sand und präsentieren sie wie einen Kokainfund. Paramilitärs marschieren in das Gebiet der Sand-Mafia ein und verschanzen sich in Bunkern. Das Fernsehen zeigt Fotos ermordeter Beamter, die sich der Mafia entgegenstellten. Die indischen Zeitungen berichten immer häufiger von Sanddieben, die Friedhöfe durchwühlen, bis Schädel offen daliegen. Die Mafia geht immer brutaler vor, weil ihre Profitchancen steigen. Die Bauherren von Mumbai müssen heute im Schnitt 30 Prozent mehr bezahlen als noch vor einem Jahr. "Der Markt ist überhitzt", sagt Abdulali.

In der Hauptstadt Neu-Delhi feierte sie im vergangenen Jahr ihren größten Sieg, als ein Richter ihrer Klage folgte und den Sandabbau in Indien für einige Monate verbot. Unter dem Druck des Urteils mussten die Lokalregierungen versprechen, das Geschäft besser zu regulieren. "Die Bauherren", glaubt Abdulali, "werden langsam nervös."

Als sich die Nacht über Mumbai senkt, versammeln sie sich in der Kolonialkulisse des Kricketclubs. In einem Salon mit Kassettenwänden aus dunklem Holz und schweren Ledersesseln sitzen sie beisammen, Männer allen Alters in maßgeschneiderten Hemden, umschwärmt von Dienern, die Getränke bringen. In einer Stadt wie Mumbai, deren Wachstum auf dem Boom von Immobilien gründet, sind die Bauherren die wahren Herrscher. Mit Fremden reden sie nicht gern über das Geschäft mit dem Sand.

Einer steht am Buffet, mit akkuratem Schnurrbart und Kugelschreiber in der Hemdtasche. Nach ein paar Whiskys und Gin Tonics wird er redselig.

In jedem Verwaltungsgebiet, erläutert er, gebe es einen sandlord. Von ihm müssen Unternehmer den Sand abnehmen, wenn sie dort bauen möchten. Meist handelt es sich um einen Lokalpolitiker, der so seinen Lebensstil finanziert, seine Wahlkämpfe, sein Auto und seine Villa. Ein sandlord baut sich Nachschubwege auf, die Hunderte Kilometer weit ins Land reichen. Er fälscht Lizenzen, "managt" die Polizei und die Behörden, und er heuert Banden an, um Störer wie Abdulali einzuschüchtern. Das Gebiet, wo der Taucher den Sand aus der Tiefe holt, werde wohl vom ehemaligen Umweltminister des Bundesstaates kontrolliert.

"Auch ich habe dort gebaut", sagt der Unternehmer.

Die indische Sand-Mafia, so scheint es, das ist der Staat selbst. Das System. Politiker, die vor aller Augen Sand stehlen lassen, an Buchten oder unter Eisenbahnbrücken. "Aber", sagt der Unternehmer in väterlichem Ton, "so ist es nicht nur in Indien." Er habe in 13 Ländern Asiens gebaut – "immer das Gleiche".

Sand-Mafias gibt es längst vielerorts auf der Welt. Sie plündern die Vorräte in armen Ländern wie Kambodscha und Vietnam, um sie an den Inselstaat Singapur zu verkaufen, der mit dem Sand sein Territorium vergrößert. Zwischen Singapur und Indonesien kam es zu Streitigkeiten um den Grenzverlauf, nachdem zwei Dutzend indonesische Inseln aus dem Ozean verschwunden waren: Sanddiebe hatten sie zerstört. In China heißt es, knapp die Hälfte des Sandes, der an die Bauindustrie gehe, stamme aus illegalen Quellen.