Der Sand wird knapp in Jamaika, wo Diebe fast über Nacht einen 400 Meter langen Urlaubsstrand stahlen, und in Marokko, wo endlose Eselkarawanen zur Küste ziehen, um Nachschub zu holen. An der Küste von Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone, verschwindet Strand um Strand, während Haus um Haus entsteht. In Namibia und Südafrika durchkämmen die Arbeiter den Strand nach wertvollen Diamanten, bevor sie den Sand in Eimer schütten.

Obwohl die Natur der Menschheit in jeder Sekunde eine Milliarde winzige Geschenke macht, steuert die Welt auf eine Zeit zu, in der Sand so begehrt und teuer sein könnte wie Tropenholz oder Elfenbein. Seit den Zeiten von Archimedes wählten Menschen die Worte "wie Sand am Meer", um den Überfluss zu beschreiben.

Sand war immer etwas, das niemandem gehörte, so wie Wasser oder Luft. Er lag einfach herum. Vielleicht sind wir uns gerade deshalb seines Wertes nicht bewusst. Vielleicht verwandelt sich der Ausdruck "wie Sand am Meer" gerade deshalb irgendwann in eine Metapher für den Mangel.

Oder für den Untergang.

Barbuda ist ein winziger Flecken Erde in der östlichen Karibik. Die Insel ist bedeckt von Sumpfgebieten, in denen seltene Vögel nisten, und an den Ufern erstrecken sich weiße Traumstrände, die manchmal rosa schimmern, weil der Sand durchzogen ist von Muscheln. Lady Diana war ein paarmal hier, vor vielen Jahren, als die wenigen Hotels noch keine Geisterschlösser waren. Heute ist Barbuda ein Touristenparadies ohne Touristen.

In Barbuda gab es nie Fabriken oder große Plantagen. Das Land hat nichts, bis heute, außer seinen Stränden, aber weil die Strände von Guadeloupe oder Martinique besser zu erreichen sind, kommt kaum noch ein Urlauber nach Barbuda. Manche Touristen denken, der Name sei ein Schreibfehler. Barbados müsse gemeint sein, oder die Bermudas.

Ein einziges Dorf gibt es auf Barbuda, Codrington, wo 1.600 Menschen leben, in schlichten Häusern, vor denen Pferde grasen. In diesen Tagen stehen noch immer überall die Wahlplakate in den Gärten, seit ein paar Wochen hat Barbuda einen neuen Minister, der die Anliegen der Bewohner bei der Zentralregierung auf der Schwesterinsel Antigua vertritt.

Es ist Arthur Nibbs, 55, Mitglied der Arbeiterpartei, ein Mann mit müden, glasigen Augen, der seit Jahrzehnten in dem kleinen Parlament der Insel sitzt. Bei der Wahl erhielt Nibbs 485 Stimmen, eine mehr als sein Gegenkandidat.

Jetzt sitzt er in einem tiefen Ledersessel in seinem Büro. Durch die Lamellen der Jalousie am Fenster fällt die Abendsonne herein. Auf dem Tisch liegt eine Bibel, auf Nibbs’ roter Baseballkappe steht: "Nibbs – The Man with the Plan".

Nibbs sagt, fast jeder erwerbstätige Bewohner Barbudas sei bei der staatlichen Verwaltung angestellt, als Lehrer, als Handwerker oder als Arbeiter auf einer der kleinen öffentlichen Farmen, auf denen sie Kartoffeln, Kokosnüsse und Melonen für den eigenen Bedarf anbauen. Manche, wie Nibbs, gehen hin und wieder Hummer fangen, aber auch davon gibt es hier nicht genug, als dass sich daraus ein Einkommen erzielen ließe.

Es gibt nur ein einziges Produkt auf Barbuda, das in ausreichender Menge vorhanden ist und das sich zu exportieren lohnt. Sand. Mehrere Tausend Tonnen davon verlassen die Insel jedes Jahr. Für rund 40 Dollar pro Tonne.

Am Palmetto Point, einem Gebiet am Südwestzipfel der Insel, keine fünf Autominuten von Codrington entfernt, tauchen Bulldozer ihre Schaufeln metertief in den Sand. Krater tun sich auf, eine Landschaft wie auf dem Mond.

Lastwagen bringen den Sand zu einem kleinen Fähranleger, von wo ein rostiger Kahn zweimal in der Woche aufs Meer hinausfährt.

Vor ein paar Jahren schickte die Zentralregierung von der Nachbarinsel eine Umweltdelegation nach Barbuda. Die Gegend am Palmetto Point sei ein Sicherheitsrisiko, schrieben sie in ihrer Studie.

Auch Arthur Nibbs, der neue Minister, gehörte damals zu den Kritikern, die darauf hinwiesen, dass der Strand am Palmetto Point die einzige natürliche Barriere ist, die Codrington vor anrollenden Sturmwellen schützt. Ein einziger Hurrikan, und Codrington verschwindet von der Landkarte.

Nibbs hebt die Schultern. Wahrscheinlich ahnt er, dass Barbuda sich sein eigenes Grab schaufelt. Aber vorher müssen die Menschen ja irgendwie Geld verdienen. "Ich kann nicht zulassen, dass die Leute hungern", sagt Nibbs. Also lässt er weiter Sand abbauen. Das ist sein Plan.

Einer von Barbudas Kunden der vergangenen Jahre war ein neues Touristenresort, das auf den 360 Kilometer entfernten Virgin Islands eröffnete. Die Virgin Islands sind eine Vulkaninsel mit schwarzen Stränden, nichts, was sich gut macht in den Hochglanzkatalogen der Reiseveranstalter. Heute aber liegen die Urlauber im Oil Nut Bay Luxury Resort auf einem breiten Strand aus feinem, weißem Sand.

Es ist Sand von Barbuda.