Nein, Erdoğan wird kein Alleinherrscher – zumindest wird es nicht einfach, das parlamentarische System der Türkei in ein Präsidialsystem zu ändern, in dem sich alle Macht auf den vom Volk gewählten Staatspräsidenten konzentriert. Das hat mit dem politischen System der Türkei zu tun und mit einem neuen Ton, der im Wahlkampf verwendet wurde.

Der türkische Premierminister Tayyip Erdoğan hat zwar deutlich gemacht, dass er kein Protokoll-Präsident sein will, sondern einer, der "schwitzt und umherrennt", sagte er Anfang April, als er seine Kandidatur noch gar nicht bekannt gegeben hatte. Heißt: Er will die verfassungsmäßigen Rechte großzügig auslegen. Vor einigen Wochen, im Wahlkampf, wurde er deutlicher. Ein Präsidialsystem, das ist "mein Wunsch".

Wie und ob er das durchsetzen kann, ist allerdings nicht sicher. Zum einen muss er seine Partei, die AKP, davon überzeugen. Doch als Staatspräsident muss er unparteilich sein und laut türkischer Verfassung alle Beziehungen zu seiner Partei abbrechen. Die nächsten Tage wird er nutzen, um seine Nachfolge als Premierminister und Parteivorsitzender zu regeln – sollte er das nicht bereits getan haben. Ist allerdings ein bislang so unumstrittener, starker Parteivorsitzender erst einmal weg, könnten sich Zentrifugalkräfte in der Partei bilden, die womöglich nicht auf alles hören wollen, was zukünftig aus dem Präsidentenpalast in Ankara kommt.

Haben die Wähler ihm überhaupt den Auftrag zu einem Präsidialsystem erteilt? Sie haben zu allererst einmal einen Staatspräsidenten gewählt, über die Einführung eines Präsidialsystems wird dagegen im Parlament entschieden. Eine solche Verfassungsänderung bräuchte zwei Drittel der Stimmen. Im Moment hat die AKP diese nicht. Es ist fraglich, ob sie diese bei der Parlamentswahl im nächsten Jahr bekommen wird.

Denn so glänzend, wie er auf den ersten Blick erscheint, war der Sieg Erdoğans bei der Präsidentenwahl nicht. Richtig ist, dass es sein neunter Wahlsieg in Folge war, seit er 2003 das Amt des Premierministers antrat; richtig ist, dass viele Türken ihn als Bewahrer von wirtschaftlicher Stabilität sehen. Und richtig ist auch, dass er seinen Stimmenanteil seit der letzten Wahl wieder erhöhen konnte: Bei den Kommunalwahlen Ende März, die eine Art Abstimmung über Erdoğan und seinen Politikstil waren, holte er 45,6 Prozent. Als Präsidentschaftskandidat erhielt er 51,6 Prozent. Man könnte sagen: "nur" 51,6 Prozent, denn seine Kampagne war sehr aggressiv. Kaum eine Häuserwand in Istanbul und anderen Städten, an der nicht das Riesenplakat oder Transparent mit dem Konterfei des Kandidaten hing. Experten für politische Kommunikation sahen darin eher Panik als Entschlossenheit. In den Medien war er derart überpräsent, dass der staatliche Rundfunk- und Fernsehrat RTÜK den Staatssender TRT öffentlich rügte. Die beiden Kontrahenten Ekmeleddin Ihsanoğlu, Kandidat der beiden größten Oppositionsparteien CHP und MHP, und Kurdenpolitiker Selahattin Demirtaş, sah man dort kaum.

Kein Wunder, dass manch ein Parteistratege auf 58 Prozent der Stimmen gehofft hatte.

Politische Gegner wiesen darauf hin, Erdoğan habe als Premierminister in seinem Wahlkampf auch auf den staatlichen Apparat zurückgreifen können. Und im Gegensatz zu seinen Kontrahenten hatte er keine Geldsorgen. Erdoğan erhielt mehr als 55 Millionen Lira Wahlkampfspenden, während etwa Demirtaş nur eine Million bekam.

Dass ein türkischer Staatspräsident Erdoğan nicht so leicht zum Alleinherrscher werden kann, könnte auch an ihm liegen: Selahattin Demirtaş, Vorsitzender der linken, prokurdischen HDP, die sich als Partei gewordene Gezi-Park-Bewegung stilisiert. Demirtaş ist der eigentliche Sieger der Präsidentschaftswahl. Er hat gezeigt, was in der Türkei möglich ist: Aus dem Stand, mit kaum Budget und Erfahrung, hat Demirtaş, erst 41 Jahre alt, knapp zehn Prozent der Stimmen erhalten. Er hat einen neuen Ton in die türkische Politik gebracht: soft, aber bestimmt; säkular und liberal. Serin kanlı, wie die Türken sagen würden: kühlblütig, was durchaus positiv gemeint ist und selten vorkommt in der türkischen Tagespolitik.

Untypisch für kurdische Politiker hat er sich aus der Ecke der reinen Interessenvertretung der Kurden herausbewegt und es geschafft, sich als Vertreter aller "Unterdrückten" darzustellen: Minderheiten, Frauen, LGBT-Leute, Arme, Arbeiter oder Rentner. Politische Beobachter bescheinigten ihm eine "umarmende" Rhetorik, einige Wahlanalysten gehen davon aus, dass er Stimmen konservativer Kurden, die sonst eher die AKP wählen, und sogar von CHP-Wählern erhalten hat – Wählern der Kemalisten-Partei also, deren Kandidat Ihsanoğlu ihnen nicht kemalistisch, nicht säkular genug war. Auch Ihsanoğlu, langjähriger Generalsekretär der Organisation der Islamischen Konferenz, schlug einen moderaten politischen Ton an, ein kluger, ruhiger Mann, der aber blass blieb, mit wenig Unterstützung aus der Basis der Parteien.

Gut möglich, dass Demirtaş’ Stil Erdoğan bereits beeinflusst hat: Bei seiner ersten Rede nach der Wahl, mehr als ein Jahr nach der brutalen Niederschlagung der Gezi-Proteste, sagte er, er wolle Staatspräsident aller 77 Millionen Türken sein. Er sprach von gesellschaftlicher Versöhnung.

Und gut möglich, dass Demirtaş mit seiner Partei HDP bei der kommenden Parlamentswahl seinen Stimmenanteil ausbauen und so ins Parlament einziehen kann. In einem Interview mit der ZEIT sagte Demirtaş vor der Wahl: "Wir sind die einzige Kraft, die Erdoğan etwas entgegenzusetzen hat, die einzige Kraft, die seine Macht ausbremsen kann." Klang nicht so, als würde er Erdoğan helfen wollen, ein allmächtiger Präsident zu werden.

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