Brechreiz im Legoland? Nicht ganz, aber verdammt nah dran. Das flaue Gefühl in der Magengegend, das sich nach einer Runde im Feuerdrachen einstellt, hält sich jedenfalls hartnäckig. Bei Andreas Wild hingegen löst die Fahrt auf der Achterbahn keine erkennbare Reaktion aus, auch nicht nach drei Runden am Stück. Sein Enthusiasmus ähnelt selbst dann dem eines Büroangestellten, der morgens früh seinen Computer anschaltet. "Es ist nicht so, dass ich das unbedingt brauche. Aber es macht mir auch nichts aus", sagt Wild. Beim Aussteigen verrät er einen bewährten Trick gegen Übelkeit: Auf dem höchsten Punkt müsse man seine Angst niederkämpfen, dann die Arme hochreißen und sich schreiend in die Tiefe ziehen lassen. "Sie dürfen sich nicht dagegen wehren", sagt er. "Sonst verkrampfen Sie!"

Wobei der Feuerdrache im Legoland bei Ulm eine vergleichsweise harmlose Familienachterbahn ist, ein Kindergeburtstag auf Schienen. Anders als diese Gebirge aus Stahl oder Holz mit ihren drei, vier oder fünf Loopings. Mit denen Wild natürlich auch schon gefahren ist. Das gehört zu seinem Job, Wild baut Achterbahnen. Er macht nichts anderes, als darüber nachzudenken, wie man Leuten den größtmöglichen Schrecken einjagen kann.

Auf die Idee würde freilich niemand kommen, der sich neben Wild in die Gondel setzt. Wild ist ein Mittfünfziger mit Bundfaltenhose und Hemd, ansonsten unauffällig. Er sieht aus wie ein typischer mittelständischer Ingenieur, und genau das ist er auch. Mit dem Münchner Ingenieurbüro Stengel leitet Wild den Weltmarktführer bei der Konstruktion von Achterbahnen. Fast 650 Bahnen wurden hier entwickelt. Gemächliche Anlagen wie der Feuerdrache, aber auch respekteinflößende Stahlmonster wie der Kingda-Ka-Coaster im Six-Flags-Freizeitpark im US-Bundesstaat New Jersey. Dort wird man erst in 3,5 Sekunden auf 206 Stundenkilometer beschleunigt, um dann aus 139 Metern senkrecht in die Tiefe zu stürzen. Deutschland ist eben ein Land der Ingenieure und Maschinenbauer, und wer sagt eigentlich, dass diese immer nur Autos bauen müssen?

In der globalen Achterbahnszene hat der Name Stengel einen Ruf wie Donnerhall. "Hier verbinden sich höchstes Konstruktions-Know-how mit deutscher, beziehungsweise europäischer Produktionsqualität und Sicherheitsstandards", sagt Petra Porst, die Chefredakteurin der Fachzeitschrift EuroAmusement Professional. Gegründet wurde das Büro 1995 von Werner Stengel, der es damals wie kein anderer verstand, mithilfe der Mathematik maximale Furcht bei minimaler Gefahr zu erzeugen. Nachdem Stengel die Ehrendoktorwürde der Universität Göteborg und das Bundesverdienstkreuz erhalten hatte, zog er sich 2001 aus dem Geschäft zurück. Seither ist Wild der Chef. Außerdem ist er Stengels Schwiegersohn. Wie das halt so läuft in manchen Familienunternehmen.

Wild wirkt ein bisschen wie der Firmengründer selbst: in erster Linie bodenständig. Er stammt aus München und studierte in seiner Heimatstadt Bauingenieurwesen, Fachbereich Stahlbau. "Mein Schlüsselerlebnis in Sachen Achterbahnen war meine Frau", scherzt Wild und meint den Moment, in dem er sich in die Tochter von Werner Stengel verliebte. "Ich war eigentlich nicht sonderlich begeistert von Achterbahnen", erinnert er sich. Doch nach einem Praktikum in der Firma des künftigen Schwiegervaters gefiel ihm die Raserei so gut, dass er nach dem Studium dort ein- und aufstieg. Seit 2001 ist er Geschäftsführer und das Gesicht der Firma.

Die findet man in einem nüchternen Einfamilienhaus im Münchner Stadtteil Solln. Ruhe kennzeichnet die Gegend. Keine Spur vom Lärm großer Volksfeste und Freizeitparks, man könnte in der Straße genauso gut bei einem Zahnarzt oder Hundefriseur klingeln. Oder beim Ingenieurbüro Stengel. Wild, der einen Pullover lässig über die Schultern geschwungen hat, öffnet persönlich und führt anschließend durch die Räume. Auf den ersten Blick gibt es hier eigentlich nichts zu sehen außer ein paar Schreibtischen mit ein paar Computern. Doch für Achterbahnfans ist dieser Ort ein Mekka, das Ziel und der Ausgangspunkt all ihrer Träume. Hier tüfteln elf Ingenieure an den neuesten Coastern – so lautet die international übliche Bezeichnung für Achterbahnen.

Die Idee verhindert, dass man sich bei der Fahrt den Halswirbel bricht

Wild geht zu einem Computer und ruft ein Simulationsprogramm auf. Er will zeigen, was die Helix kann, die im April im schwedischen Liseberg in Betrieb genommen wurde. Schon beim Zuschauen stellt sich im Magen ein Gefühl ein, das von der Fahrt mit dem Feuerdrachen im Legoland her bereits bekannt ist. Bloß sind die Züge diesmal lediglich simuliert. Mit maximal 100 Sachen rasen sie bei der Helix nicht auf einem Gestänge umher, sondern durch eine natürliche Landschaft, über echte Berghänge hinweg und unter Bäumen hindurch. Solch maßgeschneiderte Bahnen sind die Spezialität des Büros. Schrecken von der Stange verkauft Wild nicht.