Der Himmel über dem Elbufer ist düster. Auf Häusern, Schiffen, Fabriken: überall Schornsteine, aus denen Rauchschwaden steigen. So stellte Otto Markus Altona dar. Der Künstler wollte damit nicht vor Feinstaubbelastung oder dem Waldsterben warnen, im Gegenteil: Anfang des 20. Jahrhunderts, als das Bild entstand, war Altona noch ein Industriestandort und stolz darauf.

Im Vordergrund malte Otto Markus eine Frau mit ernstem Blick und wehender Fahne, ein bisschen wie bei Delacroix, bloß vollständig bekleidet: Altonia, die Schutzgöttin der Stadt.

Wenn es heute um den Charme von Altona geht, spielen die alten Schornsteine zwar noch eine Rolle. Aber wichtig ist vor allem, dass sie nicht mehr qualmen. Aus dem eigenständigen Altona wurde ein Bezirk der Nachbarstadt Hamburg. Und aus den alten Fabriken wurden Loftwohnungen und Restaurants. Die Schornsteine verströmen heute Industrieromantik, statt nach Kohle riecht es nach den Auslagen der Biomärkte.

Wie sich das Viertel in den Jahrhunderten verändert hat, zeigt die Ausstellung 350 Jahre Altona im Altonaer Museum. Als Präludium ist die erste erhaltene Stadtansicht Altonas aus dem Jahr 1650 zu sehen (ein Fischerdorf an der Elbe, festgehalten in feinen Strichen), der erste Paukenschlag der Schau ist die Urkunde über die Verleihung des Stadtrechts von 1664, die lange als verschollen galt.

Auf Stadtplänen der folgenden Jahrhunderte ist die rasante Entwicklung von "Altona bey Hamburg" zu sehen und die "Hamburger Gränze" entlang von Straßen, deren Namen heute noch vertraut klingen: "Bey dem grünen Jäger" etwa und "Die grosse Freyheit".

Zu Zeiten von Otto Markus und seiner Fahne schwingenden Altonia war die Stadt flächenmäßig bereits ähnlich groß wie Hamburg, hatte ihr repräsentatives Rathaus am damaligen Kaiserplatz (heute: Platz der Republik), einen Bahnhof und ein eigenes Museum.

Die Schau präsentiert aber nicht nur Stadtentwicklung im architektonischen Sinne. "Es geht auch um Mentalitätsgeschichte", sagt Museumsdirektor Hans-Jörg Czech, "um den liberalen Geist Altonas, von dem heute immer noch die Rede ist."

Dieser "liberale Geist", das zeigt die Ausstellung, ist nicht bloß Immobilienmakler-Lyrik. Er hat verbrieft als Glaubens- und Gewerbefreiheit von 1664 an dafür gesorgt, dass Altona von Einwanderung und gesellschaftlichem Pluralismus profitiert. Das zeigt etwa das Beispiel der mennonitischen Familie van der Smissen. Hinrich I. van der Smissen kam als Flüchtling aus den Niederlanden, seine Nachfahren begründeten in Altona ein Handelsimperium. Nicht nur wirtschaftlich, auch politisch war Altona lange fortschrittlicher als die Nachbarstadt Hamburg. Von der milderen Pressezensur profitierte etwa der Drucker Johann Friedrich Hammerich. Publikationen aus seinem Haus sind ebenfalls ausgestellt: Eine Rede Robespierres aus dem Mai 1794 erschien noch im selben Jahr in deutscher Übersetzung in Altona. Rund 150 Jahre später entstand in derselben Druckerei die Erstausgabe der Programmzeitschrift Hörzu.

Neben den historischen Karten der Stadt und Objekten, die vom Leben einzelner Altonaer erzählen, ist ein ganzer Ausstellungsraum den politischen Kämpfen der letzten 50 Jahre gewidmet. Beginnend mit Zerstörung und Wiederaufbau Altonas nach dem Zweiten Weltkrieg, wagt das Museum hier den Sprung in die Gegenwart – und stellt auch seine eigene Geschichte aus. Eine Vitrine präsentiert Flugblätter, mit denen eine Bürgerinitiative noch vor wenigen Jahren für den Erhalt des von der Schließung bedrohten Altonaer Museums demonstrierte.

Damals zeigten die Altonaer, dass sie ihr Museum wollen. Jetzt zeigt das Museum, wofür es gut sein kann: Das Haus am Platz der Republik bietet sich als Ort für die stadtpolitische Debatte an, wie es mit dem Viertel weitergeht.

350 Jahre Altona. Von der Verleihung der Stadtrechte bis zur Neuen Mitte läuft bis 11. Oktober 2015 im Altonaer Museum, Museumstraße 23. Geöffnet Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr