Das Problem an Geschichten mit Pointen besteht darin, dass die Pointe Zweck, die Erzählung, die darauf hinführt, aber nur Mittel zum Zweck ist. Deshalb können sich die meisten Menschen einen Witz auch deshalb nicht merken, weil sie beim Hören nur auf den Gag warten. Sind die Tränen dann wieder getrocknet, erinnert man sich vielleicht noch, dass der Scherz von einem talentierten Erzähler bunt und kunstreich ausgeschmückt war, doch im Übrigen bleibt eine Art Leere. Ungefähr so etwas macht sich in einem breit, nachdem man die Ausstellung der amerikanischen Malerin Dana Schutz verlassen hat.

Schutz’ künstlerisches Leben ist kurz an Jahren, doch reich an Werken und Superlativen, mit denen sie von der Kritik und Sammlern wie Charles Saatchi bedacht worden ist. Manche bewundern an ihr die Behändigkeit, mit der sie die Malstile mixt, andere loben die Abgründigkeit ihrer Sujets und die Zugänglichkeit ihres Wesens und Werks. Denn Schutz, Jahrgang 1976, gibt gerne Interviews, in denen sie freigebig die Quellen ihrer Inspiration nennt und sich beredt beteiligt an der Interpretation ihrer Bilder, etwa aus der Werkgruppe Selfeaters. Diese Selbstfresser sind Wesen, die ihre Extremitäten und Exkremente verspeisen, wodurch sie sich fortlaufend rekreieren und an allen möglichen Stellen nachwachsen.

Auf ähnliche Weise wuchs auch der Ruhm der nimmermüden Malerin Schutz, weil das Publikum beständig Neues zu verdauen hatte, bis ihr Name vernehmlich nach Europa hinüberschallte. Jetzt ist die Künstlerin erstmals groß in Deutschland zu sehen, in der Kestnergesellschaft in Hannover.

Gezeigt werden dort fast nur jüngste Werke, die sie zum Teil eigens für die Ausstellung malte. Sie sind sehr bunt. Die Figuren haben gequetschte und geblähte Gesichter und Körper, als hätte George Grosz sie skizziert und Picasso dann hier und da ein Auge und ein Knie vertauscht. Ein großes Getümmel bevölkert die Leinwand, und manchmal meint man, diese Zombies seien Wiedergänger von Beckmanns geschundenen Weltkriegsseelen oder von Otto Dix’ Kurtisanen.

Doch die Nähe zu den Malern einer kriegsversehrten Gesellschaft trügt, auch wenn Schutz zu verstehen gibt, dass auch ihre Bilder vom großen Gemetzel erzählten und manche unter dem Eindruck des Irakkriegs entstanden seien. Ihre verrenkten Gestalten mit den fehlenden Oberkörpern haben den Krieg nicht auf dem Schlachtfeld erlebt, sondern nur auf CNN im Atelier gesehen. Und dort, in Brooklyn, verdünnt sich die Katastrophe zum künstlerischen Problem, Depression zu einer Frage der Komposition und echter Schmerz zum seichten Weltschmerz. Es ist eine Kunst, die sich gern mit formalistischen Spielchen begnügt.

Auf dem Bild Small Apartment senken ein Mann und eine Frau ihre mit Schrammen und Blessuren übersäten Gesichter und fassen sich still und betrübt an der Hand. Genau im Zentrum zwischen den beiden lehnt ein Blumenbild an einer kleinen Staffelei, vor einem Blumenstrauß, der als Vorbild gedient haben mag. Woher genau rührt hier die Schwermut? Sie hat wohl dieselbe Ursache wie bei dem kleinen Jungen, der in dem Riesenbild Zusammenfügen eines Oktopus trübe zwischen die nackten Schenkel einer Frau blickt: Er ist umgeben von Malern an Staffeleien, die versuchen, einen Kraken in Gänze auf der Leinwand festzuhalten, was natürlich nicht geht, weil man aus jeder Perspektive nur einen Teil des Tieres sieht. Spätestens jetzt hat man begriffen, dass es gar nicht die Verworrenheit der Welt ist, die hier so argen Kummer macht, sondern das Handwerk des Malens. Um Zweideutigkeiten auszuschließen, hilft Schutz noch mit dem Holzhammer nach. Am Bildrand verstößt sie Adam und Eva von dem Keilrahmen, auf dem die Malerei ihre Unschuld verlor, weil sie die Dinge nie so zeigen kann, wie sie wirklich sind. Um diese Pointe, dass das Abbild das eine, die Wirklichkeit aber etwas anderes ist, kreist dann auch der Rest der Ausstellung, mal heiter, mal nachdenklich.

Wer klappt da der Figur in dem Bild Ocular die Augendeckel auf? – Die Malerei natürlich, weil sie uns allen die Augen öffnet! Wie malt man eine Frau, die sich anzieht? – Als kubistisches Knäuel aus Klamotten und Beinen! Und warum ist der Mann in der sechsteiligen Serie Gott mal ein brustbehaarter Proll in Badehose, mal ein Schwertfisch mit Gitarre? – Weil Gott in allen Dingen ist und nur die Kunst dies sichtbar machen kann!

Diese Malerei fragt nicht, sie stellt nur verdauliche Antworten bereit. Die alberne Mischung der Stile, je nach gusto Kubismus, Sachlichkeit oder Expressionismus, dient keinem Ausdruck, sondern nur dem Gag für den Betrachter, der sich freut, hier Picasso und dort Kandinsky entdeckt zu haben. Wie ermüdend und uninteressant das ist, merkt man, wenn man vor den wenigen Bildern steht, die aus dieser ewig sich selbst ausscheidenden und abermals selbst verschlingenden Thematik ausbrechen. Dann sieht man, dass Schutz im Grunde das Talent zu einer richtigen Malerin hätte.

In Singer Songwriter spielt ein Mann mit Pagenfrisur und entrückten Zügen Gitarre, während sein Zuhörer mit einem Ausdruck höflicher Verzweiflung auf die Uhranzeige seines Smartphones linst. Hier zeigt Schutz ein solides Gespür für Boshaftigkeit, und ihre wilde Stilmixtur macht plötzlich Sinn: Während sich die Konturen des Gitarristen in Gesten des Abstrakten Expressionismus auflösen, erscheint sein Gast merkwürdig schemenhaft, gleich den halb transparenten Gestalten bei Munch. Am liebsten, man ahnt es, will er sich verflüchtigen. Und uns ergeht es nicht anders. Wir linsen zum Ausgang und hoffen, Dana Schutz möge gnädig sein und ihre Pointen-Malerei rasch beenden. 

Bis zum 26. Oktober (www.kestnergesellschaft.de)