Vor weniger als drei Monaten noch stand Barack Obama vor der Abschlussklasse der Militärakademie West Point und sagte: "Ihr seid wohl die erste Abschlussklasse seit 9/11, die nicht mehr zum Kämpfen in den Irak oder nach Afghanistan geschickt wird." Dafür gab es großen Applaus.

Dann eskalierte der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Der Krieg zwischen Gaza und Israel begann. Schließlich eilte die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) mordend von Gebietsgewinn zu Gebietsgewinn: eine Herausforderung erster Ordnung. Obama begegnet ihr, indem er einzelne, sehr begrenzte Luftschläge im Irak anordnet. Ansonsten hält er sich zurück. Warum?

Eine Antwort gibt James Jeffrey; er war bis 2012 amerikanischer Botschafter im Irak: "Obama glaubt wie viele Deutsche: Wenn die USA nur damit aufhören würden, sich in die Konflikte der Welt einzumischen, dann würde automatisch alles besser. Er will kein Weltpolizist mehr sein."

Obama muss seinem Volk nicht tief in die Augen schauen, um zu erkennen, dass es der Kriege müde ist – und enttäuscht von ihrer Wirkung. Juan Zarate, ehemaliger Berater von George W. Bush, arbeitet für das überparteiliche Center for Strategic and International Studies; er sagt: "Obama ist bislang so verhalten im Irak, weil er Amerikas Verbündete dazu zwingen will, mehr Verantwortung für die Lösung dieser Konflikte zu übernehmen. Er will führen, aber von hinten."

Aber dann sind da diese Bilder, die auch Obama jeden Tag sieht. Die Horrorvideos von IS und die Memos der Geheimdienste: IS, besagen sie, gewinnt nicht nur Boden im Irak und in Syrien, sondern ist auch im Begriff, Terrorzellen in Europa und den USA aufzubauen.

Und schließlich sind da noch Kritiker wie Hillary Clinton, die Obama vorwerfen, dass er für die jetzige Krise im Irak mitverantwortlich sei, weil er nicht schon im Syrien-Krieg geholfen habe, IS zu bekämpfen. Und weil er nicht auf einem Bleiberecht der US-Militärs im Irak bestanden habe, das Botschafter James Jeffrey über den Truppenabzug 2011 hinaus auszuhandeln versuchte.

Der Präsident ist mittlerweile sichtlich genervt von solchen Anschuldigungen. Auf einem Flug der Airforce One nach Asien erklärte ein kühler Obama den mitfliegenden Journalisten, dass es sein Hauptanliegen sei, Amerika nicht mehr in Situationen zu bringen, von denen es sich erst in Jahrzehnten erholen wird.