DIE ZEIT: Frau Griepentrog, was hat sich für Sie zuletzt verändert?

Maria Griepentrog: Nun, wie es aussieht, habe ich einen Kampf verloren. Im vergangenen Jahr standen Bagger vor unserem Grundstück in Blievenstorf in Mecklenburg-Vorpommern, südlich von Schwerin. Die haben die Straße aufgerissen, bis zu vier Meter tiefe Kanäle gegraben und Abwasserrohre darin verlegt.

ZEIT: Wieso haben Sie einen Kampf verloren?

Griepentrog: Weil ich mich jahrelang dafür eingesetzt habe, dass das nicht passiert. Ich bin der Meinung, dass uns in Ostdeutschland – wo ich seit mehr als 15 Jahren lebe – manchmal die falsche Sorte Fortschritt aufgedrängt wird. So ein Kanalnetz zum Beispiel hätte es in dieser Gegend keinesfalls gebraucht.

ZEIT: Ihr Abwasser muss doch irgendwohin.

Griepentrog: Stimmt, bislang hatte jeder Haushalt eine eigene Klärgrube. Das war auch vernünftig. Wir leben auf einem dünn besiedelten Stück Land, der Ort hat 430 Einwohner. Vor 15 Jahren waren es noch 550. Warum muss unser Schmutzwasser kilometerweit bis zum nächsten zentralen Klärwerk gepumpt werden? Das verstehe ich nicht. Wir bekommen ja auch keine U-Bahn. Und das Problem betrifft im Übrigen nicht nur uns in Mecklenburg-Vorpommern. In vielen Bundesländern protestieren Bürger dagegen, Kanalnetze zu bekommen – ohne Erfolg.

ZEIT: Warum, glauben Sie, werden die teuren Rohre verlegt?

Griepentrog: Weil es mächtige Abwasserzweckverbände gibt – ein furchtbares Wort übrigens. Diese Verbände sind meist in der Hand der Kommunen und besitzen oft überdimensionierte Kläranlagen. Damit die Kläranlagen ausgelastet sind, müssen möglichst viele Haushalte daran angeschlossen werden. Also werden bis in die letzten kleinen Kleckerdörfer Kanäle gebaut.

ZEIT: Und was entgegnen Sie eigentlich denen, die Sie für eine typische Wutbürgerin halten?

Griepentrog: Wieso?

ZEIT: Na ja, Sie beklagen sich über Fortschritt, weil Sie meinen, es wäre auch anders gegangen.

Griepentrog: Nennen Sie mich Querulantin, das wäre okay. Immerhin stelle ich mich quer. Aber ich mag das Wort Wutbürger nicht. Es stempelt Menschen ab, die berechtigten Ärger hegen. Nach dem Motto: Der Frau braucht man nicht zuzuhören, die tickt sowieso nicht ganz richtig.

ZEIT: Gibt es in Ihrer Region viele Querulanten?

Griepentrog: Soll ich ehrlich sein?

ZEIT: Na klar.

Griepentrog: Es gibt viele, die den Mund lieber nicht aufmachen. Und es gibt ein paar wenige Engagierte, die es allerdings hin und wieder übertreiben. Manche unterstellen Politikern sogar, bestechlich zu sein. Andere Abwasseraktivisten, so nenne ich sie mal, wehren sich sprichwörtlich mit Händen und Füßen. Eine Frau in Brandenburg etwa hatte sich einst eine preisgekrönte, umweltschonende Kläranlage gebaut. Dann hieß es, ihr Grundstück werde ans Kanalnetz angeschlossen, die Kläranlage sei also überflüssig geworden. Das wollte die Frau nicht einsehen, am Ende verbarrikadierte sie sich auf ihrem Grundstück, damit die Bauarbeiter nicht raufkonnten.

ZEIT: Wie ging die Sache schließlich aus?

Griepentrog: Die Polizei hat die Frau von ihrem Grundstück getragen. Später buddelte sie die Rohre wieder aus. Das war allerdings ein Extremfall. Tatsächlich erlebe ich oft, dass sich viele Leute lieber zurückhalten, auch wenn sie mit etwas nicht einverstanden sind. Ich bin 1998 von Hannover hierhergezogen. Als ich mitbekam, dass die Abwasserkanäle gebaut werden sollen und viele Bewohner damit unzufrieden sind, wollte ich ihnen Mut machen, sich zu wehren. Mein Mann, der in dieser Gegend aufgewachsen ist, fand das zwar ehrenwert, sagte aber gleichzeitig: "Du kannst sowieso nichts ändern!" Wissen Sie, an dem Kanalbau verdienen viele Leute Geld, auch die Firmen aus der Region. So funktioniere die Marktwirtschaft, sagen hier manche. Aber zur Marktwirtschaft gehört für mich auch, dass man sich nicht alles gefallen lässt. Wir können immer schön den Kopf senken und die Faust in der Tasche ballen, das ändert aber nichts. Immerhin müssen wir Anwohner die Abwasserkanäle ja mitfinanzieren.

ZEIT: Vielleicht haben Sie mit Ihrem Protest gegen den Kanalbau schlicht nicht genügend Menschen überzeugt?

Griepentrog: Mein Eindruck ist eher, dass die Leute klein gehalten werden. Politiker sagen ihnen: Ihr wolltet die Wende, ihr wolltet den Westen, den Fortschritt, die schöne neue Welt. Jetzt nehmt sie hin! Ich finde das gemein den Menschen gegenüber.

ZEIT: Lassen sich die Leute zu viel gefallen?

Griepentrog: Ich glaube schon. Zumindest liest und hört man hier seltener von großen Bürgerprotesten. Demos wie die in Stuttgart gegen den neuen Bahnhof oder die in Hamburg gegen die Schulreform gibt es in den neuen Ländern kaum. Selbst die Proteste in Brandenburg gegen den Flughafenbau sind ja vergleichsweise harmlos.

ZEIT: Wünschen Sie sich wirklich mehr von solchen Demonstrationen hier?

Griepentrog: Na ja. Ich wünsche mir, dass wir Bürger uns noch mehr zusammentun – nicht zwangsläufig gegen irgendwen, sondern für unsere Interessen. Manchmal bringt das ja sogar etwas. Bis vor ein paar Jahren hatten wir zum Beispiel ganz langsames Internet. Da blieb nach jedem Klick Zeit, einen Kaffee zu kochen. Und ich meine, im Gegensatz zu Abwasserkanälen können wir eine vernünftige Internet-Infrastruktur wirklich gebrauchen.

ZEIT: Wie bekamen Sie schließlich Ihre Breitbandleitung?

Griepentrog: Die Gemeindevertretung hat recherchiert und erfahren, dass die Bauarbeiten aus Sicht der Telekom nicht wirtschaftlich seien, wir also Zuschüsse organisieren müssten. Dann wollten wir uns um Fördermittel bewerben – vorausgesetzt, die Mehrheit des Ortes ist einverstanden. Also mussten wir die Einwohner von unserer Idee überzeugen. Die älteren Leute haben wir umgestimmt, indem wir sagten, ein Internetanschluss erhöhe den Wert ihrer Grundstücke. Nun haben wir in Blievenstorf immerhin schnelles Internet – aber das ändert nichts daran, wie unsinnig und skandalös ich den Bau der Abwasserkanäle finde.