Am 11. März 2014 wurde in Wien der Direktor des Burgtheaters, Matthias Hartmann, entlassen. So etwas hatte es in der Geschichte der Burg nie zuvor gegeben. Das Theater, eine der größten und reichsten Bühnen der Welt, wichtigstes Außendarstellungsinstitut der Republik, erwies sich als tief verschuldet. Und nicht nur das: Es waren im Buchungsgeschehen des Hauses eine Fülle von Abschreibungstricks, Luftbuchungen und Bilanzverschleppungsaktionen aufgeflogen; das alles war bislang so blickdicht verschleiert worden, dass auch externe und interne Revisoren es lange Zeit nicht gemerkt hatten. Am 3. Januar 2014 entließ Hartmann die ehemalige kaufmännische Direktorin der Burg, Silvia Stantejsky, die, so hatte ein Gutachten gezeigt, eine unbehelligte Zentralagentin der Misswirtschaft gewesen war. Dann musste auch Hartmann gehen. Der österreichische Kulturminister sah ihn als Mitverantwortlichen der Finanzkatastrophe.

Die ZEIT schrieb damals, Hartmanns Entlassung geschehe zu Recht. Hartmann beteuerte zwar, er habe die Misswirtschaft im Detail gar nicht kennen können, weil sie in völliger Intransparenz geschehen sei. Aber Hartmann war zum Zeitpunkt seiner Entlassung bereits fünf Jahre im Amt, wie konnte er da von nichts gewusst haben? Und selbst wenn er es nicht gewusst hatte: Musste er nicht die Verantwortung übernehmen für das, was an seinem Haus geschah?

Ob die fristlose Kündigung des Theaterdirektors rechtens war oder aber nicht, darüber streiten jetzt in Wien die Anwälte. Hartmann klagt gegen seine Entlassung. Wie auch immer: Inzwischen sind Dinge ans Licht gekommen, die darauf schließen lassen, dass die Entlassung Hartmanns eher ein ritueller Akt – die Benennung und Beseitigung des Großen Schuldigen – als die Wiederherstellung von Gerechtigkeit war.

Peter F. Raddatz, zuletzt Generaldirektor der Berliner Opernstiftung und derzeit Geschäftsführer des Hamburger Schauspielhauses, wurde 2011 von Hartmann als externer Revisor nach Wien gerufen. Raddatz sagt jetzt auf Nachfrage der ZEIT: "Hartmann hat die Schattenwirtschaft, die da betrieben wurde, gar nicht durchschauen können." Warum? "Weil Frau Stantejsky ein sogenanntes Containersystem betrieben hat, das gewisse finanzielle Transaktionen im Dunkeln, uneinsehbar ablaufen ließ. Dieses System gab es schon seit 2002, also lange vor Hartmanns Zeit."

Die Entlassung des Burgtheaterdirektors war auch der erste große Auftritt des Kulturministers Josef Ostermayer (SPÖ), der schon wenige Tage nach seiner Amtseinführung – er war seit 1. März im Amt – mal eben den aktuell größten Saustall der Republik ausmisten wollte. Mit dieser Handlung sollte politische Tatkraft signalisiert werden: Ab sofort wird hier durchgegriffen. Ostermayer gilt als der geheime starke Mann der österreichischen Politik, schreibt das Magazin Profil. Er ist ein treuer Gefolgsmann des Kanzlers Faymann, und man sagt ihm nach, er mache sich Hoffnungen, eines Tages selbst Kanzler zu werden.

Zu der Pressekonferenz am 11. März, auf der er Hartmanns Entlassung verkündet, holt sich der Kulturminister kompetenten Beistand. Neben ihm steht der wohl mächtigste Mann der österreichischen Kulturpolitik, Georg Springer. Springer ist zu jenem Zeitpunkt Aufsichtsratsvorsitzender der Burgtheater GmbH und Chef der Theater-Holding, welche die drei wichtigsten Bühnen Wiens besitzt – darunter auch die Burg. Er ist also auch der Vorgesetzte und Kontrolleur des Direktors Hartmann. Minister Ostermayer, ein öffentlich eher scheu und bedachtsam auftretender Mann, fasst sich kurz: Zur Rechtfertigung von Hartmanns Entlassung zitiert er aus einem Gutachten, das der Anwalt Thomas Angermair für ihn erstellt hat. Darin steht schwer Belastendes über Hartmann, beispielsweise dass Hartmann "seine Überwachungs- und Kontrollpflichten gegenüber der Geschäftsführung durch Mag Silvia Stantejsky nicht wahrnahm".

Es finden sich darin allerdings auch viele belastende Sätze über Georg Springer, der nun ernst, aber unbehelligt neben Ostermayer steht. Diese Sätze liest der Minister nicht vor. Auf aktuelle Nachfrage der ZEIT beim österreichischen Kulturminister, warum Ostermayer die Vorwürfe gegen Springer am 11. März nicht erwähnt habe, schreibt sein Pressesprecher: "Herr Bundesminister Ostermayer hat das Gutachten in Auftrag gegeben, in dem die arbeitsrechtlichen, strafrechtlichen und schadenersatzrechtlichen Verantwortlichkeiten sämtlicher Beteiligter überprüft wurden. Die Vorwürfe gegen Dr. Springer reichten laut Gutachten allerdings nicht aus, um eine Entlassung rechtlich rechtfertigen zu können." Springers Entlassung stand nicht zur Diskussion? Antwort des Pressesprechers: "Das Prozessrisiko wäre laut Einschätzung des Gutachters für die Republik zu hoch gewesen."