Die Haltung Pekings gegenüber den amerikanischen Luftschlägen ist ambivalent. Die Demonstration militärischer Macht der USA in fremden Ländern ist der chinesischen Führung zuwider, sie denkt strategisch. Andererseits hat China im Irak vielerlei Interessen: Das Land ist der größte Investor im irakischen Energiesektor, mehrere Tausend chinesischer Staatsbürger befinden sich im Irak. Wenn Amerikas Luftschläge für mehr Sicherheit sorgten, würde China davon profitieren.

Als Barack Obama der chinesischen Regierung deswegen "eine Trittbrettfahrermentalität" vorwarf, reagierte das Parteiorgan Volkszeitung verärgert: "China ist kein Trittbrettfahrer. Wenn die USA China das vorwerfen, verdrehen sie die Logik." An dem Chaos im Irak seien die USA schuld.

Also Streit mit den Amerikanern, gut Freund mit den Russen? An der Oberfläche sieht es tatsächlich so aus. Seit der Ukrainekrise flüchtet Moskau in die offenen Arme Pekings und zeigt dem Westen, dass es auch andere Partner gibt. Im Mai reiste Wladimir Putin nach Shanghai und schwärmte dort, nie seien die Beziehungen besser gewesen. Während seines Besuchs schlossen beide Länder einen Gasdeal über 400 Millionen US-Dollar ab. Ein Jahrzehnt lang hatten sie über den Preis gestritten; der westliche Druck brachte Putin offenbar dazu, Konzessionen zu machen.

China darf sich auch über neuartige Waffensysteme freuen. Seit Langem ist China ein wichtiger Abnehmer russischer Waffen. Soeben hat der Kreml beschlossen, China S400-Boden-Luft-Raketen zu verkaufen: allwetterfähige Langstreckenraketen, die zur Hochtechnologie zählen. Chinas Landwirte wiederum freuen sich über die russische Einfuhrsperre für Lebensmittel aus dem Westen. Der Export ihrer Waren nach Russland könnte dieses Jahr um 80 Prozent steigen.

Beide Länder eint der gemeinsame Konkurrent: die USA, ein Hindernis für ihre geostrategischen Ambitionen. Zudem sind beide Regierungen bemüht, ihre autoritären Herrschaftsmodelle gegen Kritik aus dem Westen zu verteidigen. Sie sehen den Anspruch, universelle Werte zu vertreten, als Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten und als westliche Arroganz.

Schon wird spekuliert, dass Russland und China eine politisch-militärische Allianz bilden könnten, die das Weltgefüge veränderte. Shen Dingli, Professor für Internationale Beziehungen an der Fudan-Universität in Shanghai, sieht das nüchterner: "Dies ist eine Hochzeit aus Bequemlichkeit und keine aus Liebe." Gewiss, die USA isolierten Russland und trieben es damit China in die Arme, das seinen Vorteil daraus zu ziehen wisse. Sobald der amerikanische Druck aber nachlasse, sei es mit der Umarmung wieder vorbei.

In der Tat schaut Russland mit Unbehagen auf China und will unter allen Umständen vermeiden, dass ihm noch mehr Macht zuwächst. "Alle misstrauen einander", sagt Shen, "wir vertrauen den Amerikanern aber mehr als den Russen." Schließlich erinnert man sich noch gut an das Zerwürfnis mit dem einstigen sozialistischen Bruderstaat zu Zeiten des Kalten Krieges und an den kurzen Grenzkrieg von 1969.

Letztlich wisse auch die chinesische Führung, dass die USA das überlegenere politische System hätten und die fortschrittlichere Technologie, also mehr Macht und Einfluss, meint Shen. Außerdem betrachten die Chinesen das Vorgehen der Russen in der Ostukraine kritisch. Sie verzichteten zwar darauf, es zu verurteilen, ihnen ist jedoch klar, dass es sich um Einmischung handelt – und dagegen haben sie etwas, denn sie denken auch an die Unabhängigkeitsbestrebungen im eigenen Land, namentlich unter den Tibetern und Uiguren.