Unmöglich zu sagen, wie viel Zeit ich als Kind an meinem liebsten Strand verbracht habe. Dieser lag, von Kiefernschränken umschlossen, im Dachgeschoss unseres Hauses; müllsackblau leuchtete das Wasser aus Planen, und meine Füße hinterließen Abdrücke im feinsandigsten Mehl, das ich im Küchenschrank finden konnte. Nur meine Mutter besaß nie Augen für die Schönheit dieser Idylle und mahnte in gezeitenhafter Regelmäßigkeit, ich möge doch bitte die Sauerei beseitigen.

Als Kind ahnt man natürlich nicht, dass die Wirklichkeit selbst die schönsten Fantasieorte mitunter noch zu übertreffen vermag. Denn die Traumstrände eines jeden Kindes liegen wohl in Wahrheit an der Küste Cornwalls. Zumindest seit im Februar 1997 rund 30 Kilometer von Land’s End entfernt das Containerschiff Tokio Express von einer seemannsgarntauglichen Riesenwelle getroffen wurde. 62 Container gingen über Bord, einer davon randvoll mit Lego-Steinen – genau 4.756.940 Teile.

Kein Mensch weiß genau, was anschließend geschah. Fest steht nur, dass schon bald nach dem Unfall die ersten Spaziergänger an den Stränden der Süd- und Nordküste Cornwalls Bauklötze staunten. Rote, grüne, blaue. Und nicht nur das. Immer wieder stießen sie auf Figuren, die fehl am Platz und andererseits doch stimmig wirkten. Schließlich bestand ein Großteil der eigentlich für New York bestimmten Lego-Fracht aus maritimen Motiven (sieht man einmal von den 353.264 Gänseblümchen ab): Piraten, Taucher, 97.500 Sauerstofffläschchen, 4.200 Tintenfische, 13.000 Harpunen (rot und gelb), 418.000 Paar Tauchflossen (schwarz, blau, rot). Eine der Flossen soll kürzlich sogar in Australien angetrieben worden sein. Wo sich das Gegenstück befindet, ist allerdings noch unklar.

Der weitaus größte Teil strandet jedoch in Cornwall. Seit Wochen, Monaten, Jahren. So beharrlich treibt das Meer das Lego-Steine an die Strände, als wäre die Strömung ein Förderband. Kinder, was könnte man dort spielen! Und vor allem: wie lange! Bedenkt man nur, dass sich – wie ein vermutlich etwas unausgelasteter Mensch ausgerechnet hat – allein sechs gewöhnliche Lego-Steine (zwei mal vier Noppen) auf 915.103.765 Arten zusammenbauen lassen. Demnach könnte man die über Bord gegangenen Teile zu ..., egal, jedenfalls irre vielen Varianten kombinieren. Vermutlich so vielen, dass weder ein einziger Urlaub noch eine einzige Kindheit dafür ausreichen würden.

Inzwischen zieht das angespülte Spielzeug aber auch Menschen an, die das vom Hersteller empfohlene Spielalter längst überschritten haben. Auf der Facebook-Seite "Lego lost at Sea" postet beispielsweise die Strandgutsammlerin Tracey Williams regelmäßig Beiträge und Fotos von neuen Fundstücken.

Und natürlich gibt es auch Besorgte, die zu Recht auf die Gefahren hinweisen. Die sagen: Lego an Land, gut und schön, eine Plastikalge im Maul oder Schnabel eines Tieres ist dagegen weniger vergnüglich. Ja, das mag stimmen. Andererseits: Es hätte alles schlimmer kommen können. Und unsinnlicher. Schließlich wissen wir nicht, was sich in den übrigen 61 Containern befand. Und ein Strand, an dem mehr als 17 Jahre lang chinesische Regenschirme oder Herrenunterwäsche aus Bangladesch angespült werden, davon träumt man weder als Erwachsener noch als Kind.