Nigeria ist ein reiches Land, vergleicht man es mit den Armenhäusern im Westen Afrikas, mit Guinea, Sierra Leone oder Liberia. Dort, wo das Ebolavirus bislang am schlimmsten wütet, gibt es kaum Ärzte – in Liberia kommt gerade einmal ein Mediziner auf mehr als 70.000 Einwohner. In Nigeria dagegen ist die Ärztedichte zwanzigmal so hoch. Während der aktuellen Epidemie sind in Nigeria vier Menschen an Ebola gestorben, fünfzehn haben sich infiziert und liegen auf Isolierstationen. Weitere 200 Kontaktpersonen haben die Behörden identifiziert und in Quarantäne genommen. Babatunde Fashola, der Gouverneur des Bundesstaates und der Großstadt Lagos, erklärte am Montag, man habe die Lage unter Kontrolle. Die ersten der vorsorglich isolierten Menschen konnten entlassen werden.

Eine Stadt atmet auf. "Wenn die Kontaktpersonen wirklich alle gefunden wurden, dann hat man hier Glück gehabt", sagt der Virologe Stephan Günther vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Mit seinen Kollegen baut er gerade zwei Zentren für effiziente Virusdiagnostik auf. Eines wird in der medizinischen Hochschule in Lagos selbst eingerichtet, auf dem Land wird zudem ein bestehendes Zentrum für die Behandlung von Lassafieber zum Ebolalabor ausgebaut. Die Hamburger haben zuverlässige und schnelle Tests mitgebracht, sogenannte Real-time-PCR-Diagnosen, mit denen das Viruserbgut in Körperflüssigkeiten entdeckt werden kann. Und sie schulen einheimische Labormitarbeiter im Umgang mit der modernen Diagnostik.

Fachleute blickten in den vergangenen Tagen dennoch mit größter Sorge auf das bevölkerungsreichste Land des Kontinents. Denn Nigeria ist verwundbar. Der neuralgische Punkt ist Lagos. Eine turbulente Hafenstadt, ein Drehkreuz für den interkontinentalen Flugverkehr und eine Megametropole. Etwa 13 Millionen Menschen leben hier, viele in übervölkerten Slums. Käme es zu einem echten Ausbruch, wäre die Seuche kaum noch unter Kontrolle zu bringen und könnte Zehntausende Menschenleben fordern – oder mehr.

Die Bedrohung durch Ebola sei in Lagos alltäglicher Gesprächsstoff, berichtet der Deutsche Cornelius Frey. Er arbeitet für eine internationale Unternehmensberatung, seine Lebensgefährtin für ein nigerianisches Start-up. Die Restaurants seien deutlich leerer. Die Prostitution sei nach Zeitungsberichten praktisch zum Erliegen gekommen. Als die ersten Todesfälle bekannt wurden, waren sehr schnell die Desinfektionsmittel in der ganzen Stadt ausverkauft, der Mangel soll inzwischen wieder behoben sein.

Die Behörden informieren über Twitter und Facebook. Sie versenden SMS. Möglichst viele der zahllosen Sanitätsstationen und Kliniken in der Stadt sollen über die Ansteckungswege des Virus aufgeklärt werden.

Durchweg stünden in den Firmen Desinfektionsmittel an den Arbeitsplätzen, sagt Cornelius Frey, ein Händedruck sei verpönt. "Man begrüßt sich mit einem fist bump oder mit einem Yoruba elbow rub." Die traditionelle Begrüßungsgeste senkt das Infektionsrisiko.

Auch in den Sozialen Medien wirken die Menschen in Lagos eher gelassen. "Wir haben Malaria, Aids und nun eben auch noch Ebola", sagt ein Mann einer nigerianischen Reporterin. Der nächste fügt hinzu: "Dies ist Afrika. Wenn Ebola wirklich so gefährlich wäre, hätte es längst Millionen Tote gegeben."

Die wirklich großen Seuchen – Aids und Malaria – setzen auf dem Kontinent die Maßstäbe. Und Nigerias Menschen beschäftigen noch ganz andere Kalamitäten: Die Anschläge und Überfälle der Terrorsekte Boko Haram etwa untergraben die Autorität der Zentralregierung. Doch der Gouverneur von Lagos gilt als fähig und integer; er genießt in der Bevölkerung großes Vertrauen. In der übervölkerten Hafenstadt, berichtet Cornelius Frey, sorgten sich die Menschen vor einer ganz anderen und viel realeren Gefahr: "Das größte Risiko ist wahrscheinlich ein Unfalltod im chaotischen Verkehr."

Ebola erhöht die Wachsamkeit. Doch die wirklich wichtigen Gesprächsthemen in Lagos sind sehr weltlicher Natur: das Business und die neuesten Modetrends. Die Seuche wütet in Liberia – und das ist irgendwie weit weg.