Am 14. September 2013 erschoss ein weißer Polizist einen 24-jährigen unbewaffneten Schwarzen in einem Vorort von Charlotte, North Carolina, mit zehn Schüssen. Wussten Sie das? Ich nicht.

Warum kennen wir die Geschichte von Michael Brown, der vor zwei Wochen in Ferguson, Missouri, ebenfalls – auf noch immer nicht ganz geklärte Weise – von einem weißen Polizisten erschossen wurde, nicht aber die von Jonathan Ferrell in Charlotte? Ferrell hatte gegen halb drei morgens an die Tür eines Wohnhauses geklopft, dessen verängstigte Bewohnerin die Polizei rief. Er brauchte Hilfe nach einem Autounfall. Als die Polizei mit drei Mann ankam, ging Ferrell auf sie zu, woraufhin ein Polizist zwölfmal auf ihn schoss. In Charlotte blieb es danach ruhig. Anders als in Ferguson kam es nicht zu Demonstrationen, wie sie nun weltweit ein Bild von Amerika zeichnen, das zum 50. Jahrestag des Civil Rights Act eher an die Zeit davor als danach erinnert.

Die Bilder wirken, als stammten sie aus einer fernen Vergangenheit

Warum ist das so? Das Unrecht war in beiden Fällen doch gleich groß.

Charlotte geht es ganz einfach besser als Ferguson. Charlotte ist das andere Amerika, in dem es eine erfolgreiche schwarze Mittelklasse gibt, die man in Anwaltsbüros, Fernsehstudios oder Universitäten sieht. Charlotte ist das zweitgrößte Bankenzentrum nach New York, die Stadt gehört zu den zehn am schnellsten wachsenden Städten. Und wem es relativ gut geht, wer sich eingebunden fühlt, wer in ausufernder Polizeigewalt nicht etwas erkennt, das ihm so oder anders selbst schon viele Male passiert ist, der geht nicht gleich protestierend auf die Straße.

Ferguson dagegen geht es schlecht. Die Stadt ist ein Vorort von St. Louis, einer dieser ehemals reichen Industriestädte entlang des Mississippis, die unter der Deindustrialisierung Amerikas leiden. Ferguson war einmal ein typisch weißer Vorort, die schwarze Bevölkerung ist erst in den vergangenen 15 Jahren dorthin gezogen. Die Machtstrukturen sind jedoch weiß geblieben. Bürgermeister, Polizei, Schulbehörde, Stadtverwaltung in Ferguson: alles weiß.

Im vergangenen Jahr betrafen in Ferguson 86 Prozent der Verkehrskontrollen, 92 Prozent der Durchsuchungen und 93 Prozent der Verhaftungen schwarze Bürger. Die Polizei fand bei 22 Prozent der Schwarzen verbotene Substanzen – und bei 34 Prozent der Weißen.

Auf einer der Trauerfeiern für Michael Brown in St. Louis fragte der Reverend die Gemeinde: "Wer von euch hat einen Verwandten im Gefängnis?" Die Hälfte der Gemeinde stand auf. Eine Stadt muss ein ungerechtes System hinter der Gewalt erkennen, dann protestiert sie und entlädt ihren Zorn. Und dann erreichen solche Bilder die Öffentlichkeit, wie sie die ganze Welt jetzt sieht. Dann kommen die Reporter von überallher. Die Reaktion der Polizei: Sie nahm Journalisten fest, darunter drei deutsche Kollegen. Welche Bilder öffentlich werden, ist also kein Zufall.

Ebenfalls kein Zufall ist es auch, welche Männer von der Polizei angehalten werden. Denn auch sie glaubt an ihr System. Lange Zeit hatte die Polizei in Ferguson offenkundig geglaubt, ein effizientes System dafür gefunden zu haben, wen sie auf der Straße nach dem Ausweis fragte und wen nicht. Es beruhte auf folgender Logik: Geringes Einkommen und geringe Bildung führen zu mehr Kriminalität. Schwarze sind überdurchschnittlich ärmer und schlechter ausgebildet als Weiße, daher konzentrieren wir uns besser gleich auf sie.

So wird aus einem Menschen ein Merkmal, aus einem Merkmal ein Ziel und aus einem Ziel ein Gegner. Die Polizei in Ferguson tritt auf wie eine Armee. Und Armeen kennen keine Bürger, nur Gegner. Ist diese Gegnerschaft gewollt? Die amerikanische Armee kämpft im war on terror – die Polizei in Amerika im war on drugs. Das kann man auch Militarisierung nennen. Das kann man auch einen schweren politischen Fehler nennen und sich fragen, ob der Präsident der USA dazu nicht mehr sagen könnte.

Am Montagabend machte die Polizei in Ferguson dann noch einmal klar, in welcher Rolle sie sich sieht. Mit gepanzerten Gefährten, die sogar gegen Minen gesichert sind, rollte sie durch die Straßen. Die Polizisten trugen Uniformen, die den Camouflageanzügen der US-Marines nachempfunden sind. Ihre Gewehre glichen dem Militärgewehr M4 Carbine, das ein Ziel aus 500 Meter Entfernung treffen kann. Über ihrer schusssicheren Einsatzbekleidung trugen sie bis zu sechs Magazine, die je 30 Schuss scharfer Munition enthielten. Viele Polizisten hatten ihre Gesichter hinter Gasmasken versteckt. Viele richteten ihre Waffen direkt auf die Demonstranten.

Wenn sich aber die Polizei wie eine Armee verhält, dann ist es nicht verwunderlich, dass Bürger wie Freiheitskämpfer auftreten.

In Ferguson gab es zuvor nie Unruhen der schwarzen Bevölkerung. New York, Philadelphia, Chicago, Los Angeles, Cleveland, San Francisco, Newark, Detroit – das sind Städte, die man damit verbindet. Es gab in Ferguson und Umgebung nie den Druck der Straße, um Missstände anzuprangern. Jetzt gibt es ihn.

Es wird die Familie von Jonathan Ferrell kaum trösten, dass Charlotte, wo er erschossen wurde, solche Proteste nicht nötig hat. Weil es dieser Stadt und ihrer schwarzen Bevölkerung schon besser geht. Der Polizist, der Ferrell erschoss, wurde wegen fahrlässiger Tötung angeklagt, der Prozess findet jetzt gerade statt.

Was also ist Ferguson? Eine Erinnerung daran, dass Amerika seinen Blick nicht nur nach oben, sondern auch nach unten richten muss.