Lieber Ronald Pofalla, wir müssen Sie unseren Lesern nicht vorstellen, denn unsere Leser kennen Sie, seitdem Sie spektakulär Ihr Tätigkeitsfeld gewechselt haben: Sie sind nicht mehr Chef des Kanzleramtes, sondern schon in wenigen Monaten millionenschwerer Topmanager bei der Deutschen Bahn AG. Glückwunsch auch von hier aus!

Natürlich wollen unsere Leser wissen, was einen CDU-Politiker zu dieser neuen Tätigkeit qualifiziert, doch zum Glück ist diese Frage rasch beantwortet: Als Kind haben Sie unter Muttis Aufsicht sehr lieb mit Vatis Märklin-Eisenbahn gespielt; originalgetreue Brücken spannten sich über saftige Wiesen und sanft plätschernde Bäche. Wie romantisch das war! Später mussten Sie dienstlich leider das Regierungsflugzeug benutzen und wissen vielleicht gar nicht, dass sich die Bahn technisch ein wenig weiterentwickelt hat.

Die schnaufenden Dampfloks, die Sie in Ihrer Kindheit so geliebt haben, gibt es nicht mehr; die Züge fahren nun elektrisch. Man nennt sie offiziell Intercity-Express oder kurz ICE. Leider haben diese schnellen Züge schnell Verspätung, sehr zuverlässig kommt es zu Verzögerungen im Betriebsablauf. Zu allem Unglück hat die Bahn auch noch vier natürliche Feinde, nämlich den Frühling, den Sommer, den Herbst und den Winter. Oder wie Bahnkunden gerne dichten: "Im Winter der Schaffner um vereiste Weichen rennt, im Sommer lichterloh die Böschung brennt!"

Wissen Sie schon, welches Tätigkeitsgebiet Sie bei der Bahn erwartet? Wenn Sie uns einen zarten Hinweis erlauben: Es gibt immer wieder große Lücken bei der kulturellen Vollversorgung der ersten Klasse mit druckfrischen Exemplaren der Bild-Zeitung – das Blatt ist dauernd vergriffen, während die Feuilletons weltberühmter Tageszeitungen ungelesen herumlungern.

Reisende in der zweiten Klasse wären Ihnen dankbar, wenn Sie Ihr Aufgabenfeld verantwortungsvoll auf streikende Seifenspender ausdehnen würden; auch undichte Zugtoiletten hätten gegen Ihre Dienstaufsicht gewiss nichts einzuwenden. Die Reparatur ist auch für Topmanager ganz einfach. Sie nehmen einen handelsüblichen Schraubenschlüssel (zur Not kurz beim Lokführer ausleihen) und drehen die Sicherungsmutter am Auslaufschlauch im Einspülbecken so lange in Fahrtrichtung nach links, bis das betroffene Gummiteil ein laut würgendes Geräusch von sich gibt. Der Befestigungsversuch kann auch während der Fahrt und in umgekehrter Wagenreihung beliebig oft wiederholt werden. Gut gemacht. So geht Technik!

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