Zehn Kilometer. Das kann der morgendliche Weg zur Schule sein, die tägliche Pendlerstrecke ins Büro, die abendliche Joggingrunde. Zehn Kilometer können manchmal aber auch zu einer unüberbrückbaren Entfernung wachsen, die größte denkbare Distanz beschreiben, die zwischen Menschen möglich ist.

Zehn Kilometer sind es vom Haus der Familie Aburjala in der Chaled-al-Hassan-Straße 119/52 in Gaza-Stadt, Palästina, bis zum Haus der Familie Segal im Kibbuz Jad Mordechai, Israel. Zwei Familien, getrennt durch eine Mauer und über Generationen vererbte Feindbilder. Zwei Familien, über deren Köpfe hinweg Kriege ausgetragen wurden und jetzt wieder Raketen fliegen. Zwei Familien, die sich nicht kennen und vermutlich niemals kennenlernen werden, obwohl kaum jemand so viel Einfluss auf ihr Leben hat wie sie: die Menschen auf der anderen Seite. Die Fremden in zehn Kilometern Entfernung.

In Gaza-Stadt sagt Alaa, der elfjährige Sohn der Aburjalas: "Alle Israelis tragen Uniform."

In Jad Mordechai sagt Juwal, die zehnjährige Tochter der Segals: "Die Araber haben alle Bärte. Sie wollen möglichst viele von uns töten."

In Gaza-Stadt ruft Linda, Mutter von drei Söhnen und fünf Töchtern: "Seit sechzig Jahren werfen die Israelis ihre Bomben auf uns!"

In Jad Mordechai klagt Michelle, Mutter von drei Töchtern: "Wir geben ihnen Strom, aber sie beschießen uns. Wir liefern ihnen Erdöl, aber sie beschießen uns. Was wollen sie denn noch?"

In Gaza-Stadt sagt Nabil, der Großvater der Aburjalas: "Seit ich denken kann, herrscht Krieg."

Die Segals, das sind:

der Großvater Gideon, 72, Sohn von Einwanderern aus Polen
die Großmutter Channa, 68, Enkelin von Einwanderern aus Deutschland
der Vater Gil, 44, geboren in Israel
die Mutter Michelle, 42, mit sieben Jahren eingewandert aus England
die Tochter Gal, 16, geboren in Israel
die Tochter Peleg, 12, geboren in Israel
die Tochter Juwal, 10, geboren in Israel

Die Aburjalas, das sind:

der Großvater Nabil, 59, Enkel von arabischen Flüchtlingen aus Israel
der Vater Ihab, 36, geboren in Gaza
die Mutter Linda, 34, geboren in Gaza
der Sohn Mohammed, 17, geboren in Gaza
die Tochter Doaa, 16, geboren in Gaza
die Tochter Hanaa, 14, geboren in Gaza
die Tochter Mai, 13, geboren in Gaza
der Sohn Alaa, 11, geboren in Gaza
die Tochter Alaa, 10, geboren in Gaza
die Tochter Walaa, 5, geboren in Gaza
der Sohn Jussef, 1, geboren in Gaza

In Jad Mordechai, zehn Kilometer nördlich von Gaza-Stadt, wissen die Segals: An diesem Tag, um Mitternacht, läuft wieder eine Waffenruhe aus. Die sechste in diesem Krieg, der am 8. Juli begann.

In Gaza-Stadt, zehn Kilometer südlich von Jad Mordechai, zählen auch die Aburjalas die Stunden.

In Jad Mordechai sagt Gal, die älteste Tochter der Segals: "Wenn der Alarm kommt, haben wir fünfzehn Sekunden. Dann sind die Raketen aus Gaza da."

In Gaza-Stadt sagt Mohammed, der älteste Sohn der Aburjalas: "Wenn kein Waffenstillstand ist, bleibe ich immer nah am Haus. Im Krieg sollst du nicht in der Mitte der Straße sein. In der Straße liegst du allein und verblutest."

In Jad Mordechai sagt Gal: "Fünfzehn Sekunden sind fünfzig Meter. Wenn ich weiter weg bin von zu Hause, drücke ich mich an eine Hauswand, die nach Norden zeigt. Die Raketen kommen ja von Süden."

In Gaza-Stadt sagt Mohammed, dass auch er sich an die Wand drückt, sobald die Bomben fallen: "Dann stürzt die Decke nicht auf meinen Kopf. Die Decke bricht ja in der Mitte. Meistens."

In Jad Mordechai sagt Gal: "Wenn kein Bunker, keine Wand und sonst nichts in der Nähe ist, muss man sich ganz flach auf den Bauch legen und die Hände im Nacken verschränken. Nicht über dem Kopf, sondern im Nacken. Da verlaufen ja die Nervenbahnen."

In Gaza-Stadt sagt das Mädchen Mai: "Bei jeder Bombe denke ich: Die trifft jetzt unser Haus. Wir schreien dann und weinen."

An diesem 13. August, an dem die Segals und die Aburjalas vom Krieg erzählen, haben die Nachrichtenagenturen schon früh damit begonnen, den Countdown zu zählen:

5.19 Uhr: Zähes Ringen in Kairo: Die indirekten Verhandlungen gehen weiter – finden Israel und Palästinenser keinen Kompromiss, könnte es schon in Kürze neue Gewalt geben. Ein 72-stündiger Waffenstillstand läuft um Mitternacht aus.

In Jad Mordechai, wo die Segals zu Hause sind, leben knapp 400 Menschen. Wie eine angejahrte Feriensiedlung liegen ihre Häuser auf Hügeln, von Wein berankt, von Bäumen beschattet. Mittags essen die Bewohner des Kibbuz gemeinsam in einer Kantine, im Frieden gehen die Kinder zusammen wandern. Auf der Terrasse ihres Hauses sitzen die Segals auf grünen Plastikstapelstühlen und beschreiben den Krieg als Unheil, das von Süden droht. Von dort kommen die Raketen. Von dort haben Hamas-Kämpfer Tunnel bis kurz vor den Kibbuz gegraben.

In Gaza-Stadt, wo die Aburjalas zu Hause sind, leben etwa 400.000 Menschen. Die Stadt besteht aus rechtwinkligen Häuserblocks, die meisten nackt und unverputzt, manche jetzt in Trümmern. Auf dem Dach des Hauses in der Chaled-al-Hassan-Straße, beschattet von einer Lage Wellblech, sitzen die Aburjalas auf weißen Plastikstapelstühlen und beschreiben den Krieg als ein Inferno, das von Norden über sie hereinbricht, wenn Israels Armee Bomben und Panzer schickt.