Es fällt schwer, keine Satire zu schreiben", lästerte der römische Dichter Juvenal. "Über das Eismeer möchte ich fliehen, wenn keck von Sitten jene sprechen, die Tugend predigen und die Orgie leben." Groß war die Empörung, als der NSA-Zugriff auf das Kanzler-Handy ruchbar wurde. "Das geht gar nicht", deklamierte die Kanzlerin.

Der große Satiriker Shakespeare lässt Hamlet sagen: "Die Dame protestiert zu laut." Es geht doch, wie die vom BND abgehörten Gespräche der Außenminister Clinton und Kerry zeigen. Konnte, musste Merkel das wissen? Vielleicht hätte sie dann leiser protestiert.

Deutsche Kanzler haben immer Abstand zum BND gehalten, zumal der – einst "Organisation Gehlen", davor "Fremde Heere Ost" – keinen vertrauenerweckenden Stammbaum aufwies. Noch in den Siebzigern hatte rund ein Drittel der Mitglieder eine SD- oder SS-Vergangenheit.

Die Mischung aus Indifferenz und zugehaltener Nase war verständlich, aber nicht immer weise. Man erinnere sich an Rabta 1989, an die mit deutscher Ingenieurskunst erbaute Giftgasfabrik in Libyen. Der BND wusste es, die Akte verstaubte im Panzerschrank, bis die New York Times die Bombe mit "Auschwitz in der Wüste" platzen ließ. Etwas mehr Nähe zum BND hätte den Schaden schmälern können.

Heute hätte das Wissen um die Clinton- und Kerry-Mitschnitte zumindest die Empörungsbereitschaft gedämpft. Außerdem kollidierte hier wie umgekehrt bei Merkels Handy die Spionage-Routine mit der übergeordneten Politik, die den Schlapphüten überall fremd bleibt. Jetzt beteuert der BND, Clinton und Kerry seien nur ein "Beifang" gewesen. So sorry.

Wer bei den "großen Jungs" mitspielen will, der muss mehr wissen

"Beifang" oder "Einfang" – Tatsache ist, dass auch Freunde einander überwachen. Nur hat die Supermacht die besseren Mittel. Und sie hat ihre Freunde systematisch ausgeforscht, will man dem NSA-Abtrünnigen Snowden glauben. Dennoch ist es höchste Zeit, dass dieses Land sich ehrlich macht und fromme Wünsche nicht mit der profanen Wirklichkeit verwechselt. Auch Freunde sind in Diplomatie und Wirtschaft Rivalen. Dass die Amerikaner wissen wollen, wer in Deutschland (siehe Rabta) Sanktionen und Embargos unterläuft, liegt auf der Hand.

Eine deutsche Politik, die bei den "großen Jungs" mitspielen will, muss aber auch mehr wissen, als im dpa-Ticker steht. Wie weit will Obama den Iranern bei den Atomgesprächen entgegenkommen, an denen auch Deutschland beteiligt ist? Gibt es irgendwann Nebenabsprachen mit Moskau über die Ukraine? Was hat Washington mit seinem Restbestand an Atomwaffen in Europa vor? Will Paris weiter Waffen an Russland liefern? Viele Antworten laufen in digitalen Zeiten über den Äther. In einer Welt, die sich nicht deutschen Moralvorstellungen unterwirft, wäre ein Verzicht auf Überwachung fahrlässig.

Verantwortungslos wäre es, die Türkei aus dem "Auftragsprofil" des BND zu streichen. Hier gilt die etwas gequälte Unterscheidung zwischen "Freunden" (geht angeblich gar nicht) und "Partnern" (geht okay). Auf jeden Fall ist die Türkei ein legitimes Ziel. Jenseits ihrer Ostgrenze regiert der Krieg. Wer wandert über diese Landbrücke nach Mittelost, wer sickert von dort in die EU ein? Zu wissen, wo der Fast-Diktator Erdoğan gerade steht, ist vitales deutsches Interesse. Füßelt er mit Teheran und Moskau – oder mit deren Gegnern Riad und Doha? Der Grüne Jürgen Trittin bringt es auf den Punkt: Dass der BND dort spähe, sei "seine Aufgabe", denn es gehe um die "Sicherheit Deutschlands".