Im kommenden November feiert Das Wunder von Bern in Hamburg Premiere, ein Musical über die Fußballweltmeisterschaft 1954. Für die Inszenierung wurde ein eigenes Theaterhaus gebaut, ein so populärer Stoff soll Touristen und Liebhaber modernen Liedguts gleichermaßen anlocken. Zwischen König der Löwen und Rocky war dramaturgisch außerdem ein Plätzchen frei: Warum sich nach der afrikanischen Tiertragödie und dem amerikanischem Männlichkeitsdrama nicht einem deutschen Glücksmoment zuwenden?

Und was macht das Staatstheater in der neuen Saison? Es wird seinem Auftrag als Ort der Gegen- und Hochkultur gerecht und fährt ein diffiziles, theoretisches und streckenweise regelrecht depressives Programm auf. Bühnenfreunde, das wird kein leichtes Spiel im Herbst! Zückt besser schon mal die Reclam-Heftchen und die Einführungen in den Postkolonialismus und die Genderkritik gleich hinterher.

Das Schauspielhaus startet am 21. September mit Pfeffersäcke im Zuckerland und Strahlende Verfolger. Bei den Pfeffersäcken handelt es sich laut Programmheft um eine "Menschenausstellung". Es geht um Dona Francisca, eine vom Hamburger Kolonisations-Verein 1849 mitten im brasilianischen Urwald gegründete deutsche Kolonie. "Ein Theaterabend auf Basis von Recherchen und Interviews" wird versprochen, und parallel dazu geht Elfriede Jelinek dem "deutschen Wesen in der Fremde" nach.

Was man seit dem "Wunder von Bern", spätestens aber seit der WM 2014 für erschlossen hielt – das deutsche Wesen als Mischform von Leistungswillen, Weltoffenheit und Spaßbereitschaft –, das steht also wieder zur Debatte. Wenn da mal keine im Jelinekschen Schraubstil verfasste Zerknirschungslehre im Schwange ist. Muss sich der Zuschauer wirklich noch einmal der ethnischen Bornierheit und imperialistischen Gaunerei der bürgerlichen Klasse stellen? Anscheinend ja. Das Schauspielhaus wird eine ganze Staffel bourgeoiser Verfallsgeschichten präsentieren: Bankrotte Bankdirektoren (John Gabriel Borkman /Ibsen), zwanghafte Reederinnen (Wassa Schelesnowa/ Gorki) und verstrahlte Professoren (Onkel Wanja/ Tschechow).

Wem das alles nicht kulturkritisch verdüstert genug ist, für den gibt es zwei Prosa-Adaptionen mit Beklemmungsgarantie: Die Verwandlung nach Kafka und die Dostojewski-Adaption Schuld und Sühne. Ein Handelsreisender als Kriechtier und ein Jura-Student als Mörder – motivierend für junge Menschen beim Erstellen der eigenen Arbeitsbiografie ist das eher nicht.

Soll sich der Heranwachsende also besser ans Thalia Theater halten? Am 6. September geht es los mit Romeo und Julia (Regie: Jette Steckel). "Bei Shakespeare währt die Liebe ewig", erklärt das Presseheft, "im Leben kommt das selten vor. Dort stirbt sie einfach und verwandelt sich in etwas Pragmatisches, Lebbares, Vernünftiges."

Abgesehen davon, dass Romeo und Julia natürlich ein total taffes Stück über ein Paar im Kampf gegen gesellschaftspolitische Ordnungsvorstellungen ist – muss man das mit der Liebe so wahnsinnig ernst nehmen? Klar, Entzauberung der Welt, geistig-seelische Heimatlosigkeit – kennen wir alle. Aber gleich diese Selbstauslöschungsnummer, nur damit aus der Romantik nichts "Lebbares, Vernünftiges" wird? Das klingt nach Theater-Fundamentalismus, und man kann nur hoffen, dass die 40 Hamburger Jugendlichen, die für das Stück verpflichtet wurden, das alles nicht für bare Münze nehmen. Romantische Liebe ist möglich, auch ohne Scheitern an der Realität. Die Realität ist eigentlich super. In Wirklichkeit sind wir sogar Weltmeister.