Was im Nahen und Mittleren Osten passiert, ist für Indien nicht einfach Außenpolitik. Ein Staat mit etwa 180 Millionen muslimischen Bürgern wird von den Erschütterungen in der islamischen Welt zwangsläufig mit bewegt. Vor wenigen Tagen ist ein Propagandavideo der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) mit Untertiteln in mehreren indischen Regionalsprachen aufgetaucht, Rekrutierungsagenten von IS werben angeblich unter hiesigen Muslimen, indische Sunniten und Schiiten haben Solidarität mit ihren Glaubensbrüdern im Irak bekundet. Die Radikalisierung von außen ist für die indischen Sicherheitsbehörden eine ernste Sorge. Die Krise um IS hat daher aus indischer Sicht eine andere Intensität als das Drama um Russland und die Ukraine. Was Wladimir Putin angeht, teilt man die Empörung des Westens allenfalls halb. Indien hat noch aus sowjetischer Zeit enge Beziehungen zu Moskau, Russland ist der wichtigste Rüstungslieferant, und über die moralische Qualität von Großmächten denken die indischen Politiker und die Öffentlichkeit generell zynisch. Gleichzeitig darf Indien die Russlandfreundschaft nicht bis zur Totalverärgerung der USA treiben. Dafür bleiben die Vereinigten Staaten zu mächtig.

Die Russlandprobleme sind Aufgaben für normales diplomatisches Management. Dagegen ist die Aussicht auf ein Dschihadistan in Syrien und Irak unheimlicher.

Es ist aus indischer Perspektive schon beunruhigend genug, was nach dem endgültigen Abzug der Nato aus Afghanistan werden soll und welche Folgen das für den instabilen Erzfeind Pakistan haben könnte. Nicht auszuschließen, dass die militante islamistische Energie, die sich auf den Kampf gegen die westlichen Truppen in Afghanistan richtete, sich demnächst stärker gegen Indien wendet. Kommt dazu jetzt noch ein Terrorstaat im Mittleren Osten?

Indien hätte im Augenblick am liebsten eine langweilige, unheroische Außenpolitik. Premierminister Modi ist ein überzeugter Nationalist, aber er weiß genau, dass die Nation gegenwärtig vor allem ökonomische und soziale Entwicklung braucht. Die Außenpolitik, die er sich wünscht, ist Wirtschaftspolitik. Indien würde damit folgenden Kurs einschlagen: keine überflüssigen Konflikte, wir sind immer noch ein armes Land, müssen uns um die eigenen Sorgen kümmern, unsere weltpolitischen Strategie heißt: Wachstum. Nur wird Indien sie kaum so ungestört verfolgen können, wie China dies in der Spätphase des Kalten Krieges und den frühen Jahren der amerikanischen Hegemonie nach 1989 getan hat. Das war in Asien die Zeit der Stabilität. Heute ist der Kontinent eine Krisenlandschaft.

Indien hat nicht nur im Westen eine auf absehbare Zeit aufgewühlte islamische Nachbarwelt, es hat auch im Osten das China des Jahres 2014, das sich nicht mehr auf Wirtschaft und Wachstum beschränkt, sondern Großmachtstrategie betreibt, das seine Einflusszone auszudehnen versucht und seine Nachbarn provoziert. Neu-Delhi und Peking streiten seit Jahrzehnten über den Verlauf der Grenze zwischen den beiden Ländern; 1962 haben sie einen kurzen (und für Indien demütigenden) Krieg deswegen geführt. Inzwischen hat das China-Problem für Indien eine neue Dimension: die Sorge vor einem neuen chinesischen Imperialismus und seinem Streben nach Dominanz in ganz Asien.