Auf dem Grabstein von Bobby James Fischer müsste stehen: "Er war Schachweltmeister und ein Krimineller. Das isländische Volk dankt ihm." Stattdessen steht dort nur ein Datum: 17. Januar 2008. An diesem Tag ist Fischer in Island gestorben, aber damit endet seine Geschichte nicht. Von Fischer, dem amerikanischen Schachweltmeister, führt eine direkte Linie zu Edward Snowden, dem berühmtesten Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes NSA. Fischer floh einst vor der US-Justiz nach Island, und Snowden wollte es ihm gleichtun, denn die Insel ist, auch dank Fischer, ein Schutzraum für Menschen und für digitale Daten geworden.

Im Vergleich zu Island ist Deutschland noch ein Entwicklungsland, die Bundesregierung hat erst in dieser Woche ein IT-Sicherheitsgesetz entworfen und eine Digitale Agenda beschlossen. Beides beschreibt in Wahrheit eine lange Liste von Versäumnissen.

Island tut also längst, was Deutschland zu tun versucht. Es gewährt Schutz im Internet, und daraus zieht das Land inzwischen sogar einen wirtschaftlichen Vorteil, macht daraus ein Geschäftsmodell. Politiker und Manager auf der Insel haben begriffen, dass Daten nicht in einer imaginären Wolke herumschwirren, sondern dass sie einen physischen Ort brauchen, an dem sie sicher sind, und wer diesen Ort beherrscht, beherrscht auch die Daten. So eine Datenherrschaft ist schwieriger zu organisieren, als es klingt.

Seltsam, dass ausgerechnet diese Insel ein Datenhafen sein soll. Sie ist nicht für Hochtechnologie bekannt, sondern für ihre Vulkane, ihre kleinwüchsigen Pferde – und ihre Literatur. Jules Verne schickte seine Reisenden zum Mittelpunkt der Erde durch einen isländischen Berg hinab, und die Isländer selbst besingen praktisch jeden Hügel und jeden Fluss in Gedichten und Romanen. Doch neben nordischen Sagen und Wikingerabenteuern ist heute eben auch die Geschichte von Bobby Fischer und der digitalen Revolution ein isländischer Mythos.

Die Geschichte beginnt damit, dass in einer Sporthalle in der Hauptstadt Reykjavík ein Schachbrett aufgebaut wird. Es ist der Sommer 1972, und Bobby Fischer fordert den russischen Schachweltmeister Boris Spasski nicht nur heraus, er demütigt ihn vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Fischer zermürbt den Russen: Zur ersten Partie kommt er zu spät, bei der zweiten tritt er gar nicht erst an, als Nächstes überhäuft er die Veranstalter mit Sonderwünschen, behauptet, die Fernsehkameras würden Geräusche verursachen, die ihn störten. Dann schlägt er zu, lässt Spasski in 19 weiteren Partien nur noch einmal gewinnen und besiegt, mitten im Kalten Krieg, die Sowjetunion, ist ihr total überlegen.

Dass Fischer auf Island Weltgeschichte geschrieben hat und Weltmeister wurde, vergessen sie ihm nie, und der Dank der Isländer reichte so weit, dass sie ihm im Jahr 2005 einen Pass schenkten, als Fischer nicht mehr wusste, wohin, als ihn die US-Justiz verfolgte, weil er Steuern hinterzogen und ein Wirtschaftsembargo gebrochen hatte. In den USA wäre Fischer im Gefängnis gelandet. Mit seinem neuen Pass kehrte er zurück nach Island – und war frei.

Der Fall Fischer hat die Isländer gelehrt: Ein kleines Land mit gerade mal 300.000 Einwohnern kann den Amerikanern trotzen, und diese Erkenntnis ist ein Grundstein für die heutige Digitalpolitik. Abkommen mit dem US-Geheimdienst wie in Deutschland? Gibt es nicht. Eine Zentrale der NSA wie in Darmstadt? In Island unvorstellbar. Dieses Volk, das jahrhundertelang unter der Fremdherrschaft von Dänen und Briten stand, schützt sich selbst. Und es verkauft seine Sicherheit frech in alle Welt.

Die Insel kann Sicherheit verkaufen, weil sie Ökostrom aus Wasserkraft und Erdwärme im Überfluss besitzt. Island könnte damit so viel Strom erzeugen wie ein Dutzend Atomkraftwerke, und als führende Politiker und Manager vor zehn Jahren überlegten, wer diesen Strom brauchen könnte, erkannten sie bald: Betreiber von Rechenzentren wären ideale Kunden. Allein die deutschen Server-Farmen fraßen mehr, als ein Atommeiler liefern kann, und je größer das Internet wurde, desto größer wurde der Strombedarf und der öffentliche Druck, Ökostrom zu nutzen. Studien von Unternehmensberatungen wie PriceWaterhouseCoopers und der britischen Broadgroup priesen Island bald als globales, sicheres Datenlager.

Heute sind Google, Apple und Facebook noch nicht in Island angekommen, aber die Zahl der Firmen, die ihre Daten in Island in Sicherheit bringen, wächst deutlich. Man sieht Rechenzentren inzwischen rund um Reykjavík stehen. Eines macht sich beispielsweise in einem früheren Warenlager breit, ein anderes ist in eine ehemalige Druckerei gezogen, und es gibt Neubauten auf freiem Feld. Aus der Ferne erinnern sie an Mastställe für Schweine und Hühner.