Es war der Todesstoß für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation: Am 2. Dezember 1805 triumphierte Napoleon in der Dreikaiserschlacht von Austerlitz; der Friede von Pressburg leitete wenig später die große Neuordnung ein, mit welcher der Kaiser der Franzosen Kontinentaleuropa unter seine Knute zwang. Doch obwohl er jetzt in der Hauptstadt des Habsburgerreiches residierte, konnte Napoleon nicht zufrieden sein. Noch von Pressburg aus verkündete er am 27. Dezember 1805, wer der nächste Gegner sei: "Die Dynastie von Neapel hat zu herrschen aufgehört, ihre bloße Existenz ist mit der Ruhe Europas und der Ehre meiner Krone unvereinbar."

Napoleons Ziel war es, nach seinen Erfolgen gegen Wien und Russland die Südflanke Europas zu sichern, das er zur Festung gegen England ausbauen wollte. Bereits im Mai 1805 hatte er sich als König von Italien eine zweite Krone aufs Haupt gesetzt, aber sein Einfluss endete an der Grenze des Kirchenstaates, und noch hinderlicher als das kleine Territorium des Papstes war das südlich daran angrenzende Königreich Neapel-Sizilien, das den seltsamen Beinamen "Königreich Beider Sizilien" trug, weil es aus einem kontinentalen Reichsteil und der Insel Sizilien bestand.

Während die französischen Truppen unter Führung von Napoleons Bruder Joseph gen Süden marschierten, ließ Napoleon die Welt in einem Bulletin de la Grande Armée wissen, wen er dort als seinen eigentlichen Feind betrachtete: "Die Armee Seiner Majestät geht in Eilmärschen voran, um die Königin von Neapel für das größte Attentat zu bestrafen, das je gegen die Heiligkeit von Verträgen, gegen Treu und Glauben und gegen das Völkerrecht verübt worden ist. [...] Die Königin von Neapel hat kein Recht mehr zu herrschen, auch um den Preis, die Feindseligkeiten erneut aufzunehmen und die Nation einen dreißigjährigen Krieg erleiden zu lassen."

Die Frau, die in den Augen des Mannes, der seine Soldaten von Schlacht zu Schlacht hetzte, den Weltfrieden gefährdete, war die Habsburgerin Maria Carolina. Sie regierte keineswegs allein in Neapel, wie man nach den Worten des Bulletins annehmen könnte, sondern war die Ehefrau des legitimen Monarchen Ferdinand IV. aus der Linie der spanischen Bourbonen. Dennoch verwunderte es niemanden, dass Napoleon sie als eigentliche Gegnerin benannte. Denn sie war es, die für jedermann sichtbar in ihrem Königreich die Zügel in der Hand hielt, und sie trat dem selbst ernannten Kaiser der Franzosen entschiedener entgegen als jeder andere Herrscher in Europa – mit offener Verachtung und unverhülltem Hass, der, wie häufig in solchen Fällen, mit Bewunderung gemischt war.

Maria Carolina war als dreizehntes Kind von Kaiserin Maria Theresia am 13. August 1752 in Wien zur Welt gekommen und hatte ihre Kindheit und Jugend dort verbracht, wo Napoleon 1805 sein Hauptquartier aufschlug: im Schloss Schönbrunn. Ausgerechnet das Schlafzimmer ihrer Mutter Maria Theresia wählte der Imperator für seine Nachtruhe!

An die unbeschwerten Jahre in Schönbrunn erinnerte sich Maria Carolina zeit ihres Lebens voller Sehnsucht, denn sie waren früh und abrupt zu Ende gegangen: Mit noch nicht einmal 16 Jahren wurde die kleine Erzherzogin mit dem kaum älteren Ferdinand IV. von Neapel-Sizilien vermählt. Maria Theresia betrachtete diese Heirat als "Opfer auf dem Altar der Politik". Das Mädchen wurde nach Italien geschickt, um den Einfluss Habsburgs auf der Apenninenhalbinsel zu sichern. Jahrhundertelang hatten dort die Habsburger gegen die französischen und dann die spanischen Bourbonen gekämpft. Nach unzähligen Kriegen fand man 1748 einen fragilen Kompromiss zwischen habsburgischer Dominanz im Norden und bourbonischer im Süden. Die kleine Maria Carolina sollte nun, als Ehefrau eines Bourbonen, der Stachel im Fleisch des konkurrierenden Herrscherhauses werden.

Der junge Mann, dem Maria Carolina angetraut wurde, trug seit seinem neunten Lebensjahr die Krone, die als "die schönste Krone Italiens" galt, denn sein Vater musste 1759 Neapel verlassen und als Karl III. den verwaisten Thron Spaniens besteigen. Niemand hatte den Jungen auf die neue Würde vorbereitet, er war roh und völlig ungebildet, und niemand machte Anstrengungen, das zu ändern, denn sein Vater gedachte auch aus der Ferne in Neapel weiterzuregieren. Selbst als Ferdinand mit 16 volljährig wurde, blieb Karl III. der eigentliche Herrscher. Er kontrollierte das Land durch seinen Vertrauten, den Ersten Minister, und ließ eine Flut brieflicher Anweisungen über den gefügigen Sohn ergehen.

Maria Theresia schickte aus Wien mindestens ebenso viele als Ratschläge getarnte Anweisungen an ihre Tochter. Außerdem reisten ihre Söhne, Kaiser Joseph II., und Leopold, der Großherzog der Toskana, regelmäßig in den Süden. Anders als Ferdinand aber ließ sich Maria Carolina nicht bevormunden. Weder beachtete sie die Befehle ihres Schwiegervaters noch die ihrer eigenen Mutter. Nach dem ersten Schrecken über die fremde Welt, in die man sie geworfen hatte, erkämpfte sie sich tatkräftig den Platz, der ihr, wie sie meinte, als Tochter der "unsterblichen Maria Theresia" gebührte. Ihr Ziel war es, das Königreich Neapel-Sizilien aus der Unterordnung unter die Interessen anderer Mächte zu befreien – einschließlich derer Habsburgs – und es eine eigenständige Rolle auf der sich rasant verändernden politischen Bühne Europas spielen zu lassen.

Sie erzielte dabei erstaunliche Erfolge. Es gelang ihr, die besten Köpfe der neapolitanischen Aufklärung um sich zu scharen. Unter ihrer Federführung wurden wichtige Reformen im Finanzwesen, in der Wirtschaft und den verworrenen Rechts- und Eigentumsverhältnissen angestoßen. Mithilfe ihres Bruders Leopold holte sie einen Militärexperten aus der Toskana, der das Heereswesen modernisierte und eine Seestreitkraft aufbaute. Trotz ihres Eingreifens in die Politik aber hielt sich Maria Carolina formal stets an ihre Rolle als Ehefrau an der Seite des regierenden Monarchen und brachte, wie man das von ihr erwartete, im beinahe jährlichen Rhythmus 17 Kinder zur Welt. Am Vorabend der Französischen Revolution konnte sie befriedigt feststellen: "Vor wenigen Jahren war der Name des Königs von Neapel noch so gut wie unbekannt und wurde höchstens als der eines Vizekönigs von Spanien in einer Provinz seines Reiches betrachtet. Jetzt ist sein Ansehen so gewachsen, dass ihm Ruhm und Hochachtung zuteilwerden."

Die Revolution im fernen Frankreich und der Aufstieg Napoleons änderten jedoch alles. Die Hinrichtung ihrer Lieblingsschwester Marie Antoinette am 16. Oktober 1793 verwandelte Maria Carolinas Bewunderung für französischen Geist und französische Mode in blanken Hass. In den Rahmen des Porträts ihrer Schwester ließ sie einprägen: "Ich schwöre, dass ich bis zu meinem Tod nicht ruhen werde, um sie zu rächen."