Wenn Taxifahrer als Gradmesser für die Stimmung in einer Stadt taugen, dann ist die Sache in Erbil schon am Weg vom Flughafen zum Hotel klar: Hier führen sie kein Pfefferspray mit, um sich im Notfall zu schützen. Hier lehnen während der Fahrt großkalibrige Gewehre am Fahrersitz.

Ich mache ein Foto und twittere einen trockenen Witz. Das ist vermutlich ein Versuch, irgendwie normal zu wirken. Seit ich beschlossen habe, in den Irak zu fliegen, bin ich anders: hoch konzentriert, hoch selektiv in der Wahrnehmung. Ich blende aus, was nicht wichtig ist, und ich werde unwirsch, wenn jemand zu viel redet. Es hat etwas Meditatives. Und etwas Asoziales auch. Mit der Ankunft in Erbil verstärkt sich das: Ich werde fast roboterhaft.

Im Irak passieren Massaker, und Europa sieht weg, hat ein Journalist, ein paar Tage bevor ich aufgebrochen bin, geschrieben, und ich habe ihm zugestimmt. Aber: Ich bin seit neun Wochen Europaabgeordneter, ich bin jetzt "die EU", die wegsieht. Ich darf mich nur noch über mich selbst empören. Also habe ich einige informierte Leute, die ich kenne, gefragt, ob es sinnvoll wäre, in den Irak zu fahren. Einhellige Antwort: "Wenn du dich traust, fahre! Du kannst nicht viel tun, außer anwesend zu sein, aber das wird den Menschen wichtig sein. Sie haben Angst und fühlen sich alleingelassen." Einen Tag später, am 7. August, sitze ich gemeinsam mit Senol Akkilic, Gemeinderat in Wien und bestens vernetzt in der Region, im Flugzeug nach Erbil.

Am Eingang des Hotels prüfen bewaffnete Sicherheitskräfte das Auto, sie fürchten rollende Bomben und Selbstmordanschläge. Jeder Gast muss wie am Flughafen durch eine Sicherheitsschleuse und wird dann abgetastet. Jede Tasche wird durchsucht. Dieselbe Prozedur vor dem Einkaufszentrum, als ich nur Batterien kaufen will. In den Geschäften befinden sich weniger Kunden als Sicherheitskräfte.

Wir treffen Vertreter verschiedener Parteien. Auch an den Eingängen der Parteigebäude wird streng kontrolliert. Jede Partei hat ihre eigene bewaffnete Einheit. Bei einer Pressekonferenz der Regionalregierung stehen rechts und links des Podiums je fünf Bewaffnete.

Später sitzen wir im Büro einer PKK-Vertreterin bei einem Chai. "Haben Sie keine Angst?", fragt Senol. Sie wirkt überrascht, dann lacht sie und macht eine lockere Handbewegung: "Ich habe ja meine Kalaschnikow hinter der Couch." Da lacht Senol. Er hält es für einen Witz, er kann von seinem Sitzplatz aus nicht die Waffe sehen. Wir reden noch über die Entwicklung der letzten Monate, dann wird die Stimmung lockerer und ich frage, ob mich die PKK zu den eingekesselten Jesiden auf den Berg Sindschar bringen kann. Die Frau zögert und mustert mich. "Haben Sie keine Angst?", fragen ihre Augen, aber sie sagt kein Wort. Solche Fragen stellt man hier nicht. "Der Landkorridor ist geschlossen, aber ich kann mich erkundigen", sagt sie.

Die Hauptstadt der irakischen Provinz Kurdistan hat schon viel gesehen: Die Zitadelle auf einem kahlen Felsen im Stadtzentrum gilt als der am längsten kontinuierlich besiedelte Ort der Welt. Politisch bedeutend wurde die Stadt unter den Assyrern, später kamen Alexander der Große, die Römer, die Araber, die Mongolen, die Turkmenen und die Osmanen mit ihren Armeen vorbei. Jahrtausende voller Blut und Tränen, Angst und Panik.