Wer verliert was? Das war und ist die große Frage in der anscheinend unendlichen Geschichte der Sanierungsversuche bei Karstadt. Spekuliert wird derzeit über die Schließung etlicher kleinerer und unrentabler Warenhäuser, sobald der Österreicher René Benko mit seiner Signa-Gruppe die Karstadt Warenhaus GmbH von der Berggruen Holding vollständig übernommen hat. Auch Berggruens verbliebene Anteile an den drei Karstadt-Premiumhäusern in Hamburg, Berlin und München sowie an einigen Sporthäusern sollen an Signa gehen. Bis sich die Behörden zur geplanten Übernahme geäußert haben, wird sich aber der Aufsichtsrat des Unternehmens nicht mit dem Thema befassen. "Wir werden die Sanierung der Karstadt Warenhaus GmbH zügig und entschlossen angehen. Aber wir können der Entscheidung der Kartellbehörde nicht vorgreifen", teilte der Aufsichtsratsvorsitzende Stephan Fanderl Anfang der Woche mit und vertagte das Thema damit zugleich auf unbestimmte Zeit.

Doch schon heute steht fest: Die Sanierung von Karstadt ist für die meisten, die sich daran versucht haben, zum Verlustgeschäft geworden. Zum einen kämpft das Konzept Kaufhaus generell seit Jahren gegen den Niedergang an, nicht nur bei Karstadt. Zum anderen dürften auch immer neue Umstrukturierungen und ständige Wechsel im Management ihren Teil beigetragen haben. Vor allem aber sind die Zersplitterung des Konzerns und die daraus resultierenden komplexen Verhältnisse schuld an der Misere. So gab es hier die Rechte an der Marke Karstadt, dort das Eigentum an den Immobilien und dann auch noch die davon getrennte Bewirtschaftung der Warenhäuser. Im Kern ist es Letztere, die jetzt vom deutschamerikanischen Investor Nicolas Berggruen an Benko übergehen soll. Welche einzelne Handlung der Vergangenheit welchen Anteil am Drama hat, lässt sich heute kaum noch nachvollziehen. Dafür lässt sich aber in etwa erahnen, wer was bezahlt hat.

Zum Beispiel die Beschäftigten, immerhin mehr als 70.000 zu besten Zeiten: Zwar hielt sich der Abbau von Arbeitsplätzen letztlich in Grenzen. Opfer brachten die Angestellten trotzdem. In den vergangenen zehn Jahren dürften sie insgesamt auf fast 700 Millionen Euro an Löhnen und Gehältern verzichtet haben. Mehrfach hatte die Gewerkschaft ver.di sogenannten Sanierungstarifverträgen zugestimmt. Die sollten das in die Krise geratene Unternehmen bei den Personalkosten entlasten. Doch der Erfolg blieb aus.

Oder die Aktionäre: Auch für sie entpuppte sich der Warenhauskonzern, der an der Börse mal als KarstadtQuelle, mal als Arcandor zu finden war, als Desaster. Am 16. April 2007 erreichte dessen Aktie ihren Höchststand und kostete 29,21 Euro. Damit wurde der Konzern an der Börse mit mehr als sechs Milliarden Euro bewertet und schien sein Firmenmotto "Committed to creating value" sogar zu erfüllen. Danach aber ging es mit dem Unternehmen rasant abwärts, bis der Kurs mit der Insolvenz Mitte 2009 schließlich fast auf null fiel. Zu diesem Zeitpunkt lag die Mehrheit des Konzerns beim Bankhaus Sal. Oppenheim sowie einer Gruppe um Madeleine Schickedanz, etwa 40 Prozent befanden sich aber im Streubesitz.

Interessanterweise werden an der Börse bis heute Aktien von Arcandor gehandelt, auch wenn der einstige Konzern längst in seine Einzelteile zerschlagen wurde und nur noch eine leere Hülle ist. Sogar Anfang dieser Woche wechselten Hunderttausende Aktien ihren Besitzer, zu Preisen von je drei bis vier Cent. Zockerei, sagt ein Kenner des Konzerns: "Die Dinger sind wertlos, die können sie genauso gut im Ofen anzünden."

Etwas besser als den Aktionären, aber noch lange nicht gut erging es einer Reihe von Investoren. Sie kamen ins Spiel, als KarstadtQuelle vor fast zehn Jahren begann, seine Immobilien zu verkaufen. Hauptkäufer war ein Konsortium namens Highstreet, das zu 51 Prozent der US-Investmentbank Goldman Sachs und zu 49 Prozent der Deutschen Bank sowie drei kleineren Investoren zuzurechnen ist. Zusammen zahlten diese 4,5 Milliarden Euro für rund 150 Immobilien – Parkhäuser, Logistikzentren und rund 90 Kaufhäuser. Seither haben sie wieder Milliarden hereingeholt. Unterm Strich habe sich der Deal aber nicht gerechnet, heißt es in der Finanzszene.

Anfangs soll das Konsortium, das die Kaufhausimmobilien direkt wieder an Karstadt vermietete, rund 250 Millionen Euro Jahresmiete bekommen haben. Doch dann folgte 2009 die Insolvenz. Aus dem Konzern, der inzwischen Arcandor hieß, wurde ein Jahr später das operative Geschäft mit den Warenhäusern herausgelöst und an Berggruen übertragen. Im Zuge der Verkaufsverhandlungen musste Highstreet Mietminderungen hinnehmen und auf bereits geplante Mieterhöhungen verzichten. Das zerstörte die Kalkulation. Insgesamt sollen dem Konsortium damit auf zehn Jahre hochgerechnet knapp 400 Millionen Euro entgehen.