Ein Besuch beim deutschen Katastrophenschutz, das hat etwas Surreales in diesen Tagen, aber Angela Merkel lässt sich das nicht anmerken – zunächst jedenfalls nicht. Rechts von der Bühne steht Robert, eine lebensgroße Puppe, im flüssigkeitsdichten Spritzschutzanzug. In Roberts Anzug steckten vor wenigen Wochen freiwillige Helfer in Jordanien, die syrisches Giftgas aufspüren sollten. Links wartet ein hydraulischer Spreizer – eine Art umgekehrte Zange – darauf, tonnenschwere Betonbrocken beiseitezuräumen. Der Spreizer war im Nordirak im Einsatz, in der Kurdenhauptstadt Erbil.

So weit die Konflikte der Welt von Deutschland entfernt scheinen, so nah sind sie an diesem Dienstagmorgen hier, auf dem Gelände des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), in der Nähe von Bonn. "Waren Sie damit auch schon in der Ukraine?", fragt Merkel, als man ihr den Spreizer zeigt. Bisher nicht, aber das kann kommen. "Ist schon Wahnsinn", murmelt die Kanzlerin, und es bleibt offen, was genau sie damit meint.

Es ist, als ob da draußen in der Welt jetzt alle Dämme brächen und die Konflikte und Probleme zu uns hereinschwappten. Im Nordirak metzeln die Gotteskrieger des Islamischen Staats (IS) Zivilisten nieder, die nach Hilfe – und Waffen – rufen. Im Osten der Ukraine eskaliert der Bürgerkrieg, und mit jedem Tag wächst die Furcht vor einem militärischen Eingreifen Russlands. Und Gaza? Von diesem Krieg redet gerade niemand mehr, was aber nicht heißt, dass dort Frieden herrscht.

So atemberaubend schnell entwickelt sich alles, so unübersichtlich ist die Weltlage, dass alles an den Herbst vor sechs Jahren erinnert – an den Ausbruch der Finanzkrise. Damals brannte es an den Märkten. Diesmal geht es um Menschenleben. Und wie damals gibt es auf einmal keine Gewissheiten mehr. Alte Prinzipien – Keine Waffenexporte in Kriegsgebiete! – gelten nicht länger, neue Prinzipien gibt es noch nicht. Stattdessen sind da Gegner, die man bis vor Kurzem nicht kannte, und Feinde, die nun Verbündete sein sollen.

Und mittendrin ringt die Regierung um den richtigen Kurs.

Am kommenden Samstag wird die Kanzlerin in die Ukraine reisen. Die neue Führung in Kiew ist unter Druck, im Oktober finden Parlamentswahlen statt. Die jetzige Regierung öffentlich stärken, ohne den russischen Präsidenten zu verprellen, das ist das Ziel des Besuchs.

In der vergangenen Woche hieß es regierungsintern, Merkel wünsche sich von ihren Kabinettsmitgliedern möglichst viele Interviews und Bildtermine. Wir kümmern uns, sollte das signalisieren. Doch die Bilder verdecken nur, wie überfordert man eben auch ist.

Deutschland hat keinen nationalen Sicherheitsrat wie die USA. So wird in diesen Tagen eine Viererbande geschmiedet, eine Regierung in der Regierung: Kanzlerin und Vizekanzler, Außenminister und Verteidigungsministerin. Zwischen ihnen gibt es Gerangel – Steinmeier und von der Leyen beäugen sich gegenseitig; Merkel achtet darauf, dass von der Leyen nicht allzu sehr vorprescht; Gabriel und Steinmeier geht es auch darum, wer die SPD-Linie formuliert. Aber alle eint eine große Ernsthaftigkeit und das Gefühl, dass sich gerade etwas ändert.