Irgendwann in den frühen Morgenstunden hat Bernhard Franke seine Drei vor dem Komma endlich bekommen. Franke, 57, ist Gewerkschafter bei ver.di in Stuttgart. Von seinem Verhandlungsgeschick hängt es ab, wie viel Geld den Beschäftigten im Einzelhandel Baden-Württembergs am Monatsende überwiesen wird.

Für seine Drei hatte er lange gekämpft: Großdemonstration in Stuttgart, Streik in Ettlingen, Protestkundgebung in Neckarsulm. Acht Monate Arbeitskampf hatte Franke hinter sich, als er sich an einem Mittwoch im vergangenen Dezember mit den Arbeitgebern zur letzten Verhandlungsrunde traf – und ihnen die Zusicherung abtrotzte, die Löhne und Gehälter innerhalb eines Jahres um drei Prozent zu erhöhen.

Für eine Verkäuferin mit sechs Jahren Berufserfahrung bedeutet das brutto immerhin fast siebzig Euro mehr im Monat. Auch nach Abzug der Inflation bleibt da ein Plus übrig. Das ist fast so etwas wie eine Revolution. In den vergangenen Jahren reichten die Lohnzuwächse häufig nicht einmal, um die steigenden Lebenshaltungskosten auszugleichen. Nicht nur im Handel, und nicht nur in Baden-Württemberg – und obwohl der wirtschaftliche Wohlstand insgesamt zugenommen hat.

Die Politik in Deutschland hat das nicht gestört, im Gegenteil: Die deutsche Lohnzurückhaltung wurde von den beiden großen Volksparteien international als ein Erfolgsmodell angepriesen. Heute aber steigen die Löhne wieder – und sogar die erzkonservative Bundesbank lässt durchblicken, dass sie das im Prinzip für richtig hält. Was ist da los?

Die Antwort auf dieses Lohnrätsel könnte für die Zukunft der Weltwirtschaft von erheblicher Bedeutung sein. Der Kapitalismus bezieht seine Legitimität vor allem daraus, dass er alle reicher macht. Es ist eigentlich nicht vorgesehen, dass er die Menschen ärmer macht. Genau das aber ist vielerorts geschehen, und auch deshalb ist die herrschende Wirtschaftsordnung in weiten Teilen der Bevölkerung in Misskredit geraten. Der Pariser Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty hat gerade einen Bestseller über die Benachteiligung der arbeitenden Bevölkerung geschrieben.

Die hatte es vor allem in Deutschland nicht leicht. Die Stundenlöhne stiegen in den vergangenen 20 Jahren nach Abzug der Inflation im Schnitt um gerade einmal zwölf Prozent. Geringverdiener wie die Angestellten im Hotel- und Gaststättengewerbe sind heute zum Teil sogar ärmer als früher (siehe Grafik) – mit erheblichen Folgen für das soziale Gefüge. Ermöglichte ein Handwerksberuf in Deutschland noch vor wenigen Jahren eine finanziell einigermaßen geordnete Mittelklassenexistenz, so ist das heutzutage nicht mehr unbedingt der Fall. Und dort, wo – wie in der Metallindustrie – noch recht hohe Löhne gezahlt wurden, blieb das Gehaltsplus nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung häufig hinter dem Zuwachs der Wertschöpfung zurück.

Im Ergebnis landet damit ein immer geringerer Teil des Wohlstandszuwachses auf dem Konto der Arbeitnehmer. Nach Berechnungen von Hagen Krämer von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Karlsruhe ist die Lohnquote – der Anteil der Arbeitnehmerverdienste am gesamten erwirtschafteten Einkommen – in den sieben führenden Industrienationen von 70 Prozent im Jahr 1971 auf zuletzt nur noch 60 Prozent gesunken. Profitiert haben davon die Unternehmen und ihre Aktionäre, deren Renditen kräftig zulegten.

Ein wichtiger Grund für diese Entwicklung ist die Globalisierung. Als die Schwellenländer Asiens und Osteuropas in den neunziger Jahren ihre Märkte öffneten, hat sich das globale Reservoir an Arbeitskräften nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds etwa vervierfacht. Angesichts der Billigkonkurrenz wurde es für Arbeitnehmer in den Industriestaaten immer schwerer, höhere Löhne durchzusetzen.

Hinzu kommt, dass der technische Fortschritt immer mehr einfache Tätigkeiten überflüssig macht. Zwar entstehen zugleich neue Arbeitsplätze, zum Beispiel weil die Maschinen entwickelt und gewartet werden müssen. Doch in der Regel erfordern diese Jobs höhere Qualifikationen und sind deshalb nicht für alle geeignet.

Die Entwicklung wäre vielleicht trotzdem nicht so dramatisch verlaufen ohne die Ereignisse des Sommers 1981. Damals streikte in den USA die Fluglotsengewerkschaft Patco für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne. Der damalige US-Präsident Ronald Reagan feuerte kurzerhand Tausende staatliche Fluglotsen und löste die Gewerkschaft auf. Es war ein Tabubruch – und Ausgangspunkt einer Entwicklung, von der sich das Arbeitnehmerlager bis heute nicht erholt hat.