Die eine Seelenhälfte von Kelly Reichardt führt seit vielen Jahren ein New Yorker Großstadtleben. Die andere zieht es zum Gegenbild der Metropole, zu den weiten Landschaften im pazifischen Nordwesten der USA, und aus dieser Seelenhälfte entstehen die Filme der Independent-Regisseurin. Fünf sind es bislang, zuletzt der Antiwestern Meek’s Cutoff, davor das spröd-elegische Roadmovie Wendy and Lucy . Im Kern erzählen sie die uramerikanische Geschichte vom Menschen, der ins Ungewisse aufbricht, sich in der Weite der Landschaft verirrt und verliert und ebendeshalb ankommt in ihrer Zeitlosigkeit. In diesen Momenten entfaltet sich der ganz spezielle, verträumte Zauber von Kelly-Reichardt-Filmen. Denn in diesen Momenten entstehen Bilder, die nicht dem Plot dienen, sondern sich ganz der Betrachtung, dem Verhältnis von Raum und Figur überlassen.

Es ist sinnvoll, dies zu rekapitulieren, um zu verstehen, was an Kelly Reichardts neuem Film Night Moves anders ist als an den vorangegangenen. Night Moves ist packend, er entwirft ohne lastenden Dialogaufwand eine plausible Psychologie der Figuren, und er behandelt nicht zuletzt ein interessantes Thema: die Zerstörung von Landschaft und Umwelt. Aber er lehnt sich an das Thrillergenre, fesselt sich folglich an ein aktionistisches Drehbuch, und dies beengt die filmische Seelenhälfte der Regisseurin. Schauplatz ist erneut die Landschaft Oregons im amerikanischen Nordwesten. Josh (verdüstert dargestellt von Jesse Eisenberg, den man als Hauptfigur von The Social Network in Erinnerung hat) und Dena (gespielt von Dakota Fanning, deren trotziges Mädchengesicht in Twilight auffiel) sind zwei junge Umweltaktivisten. Sie planen einen Sprengstoffanschlag auf einen der zahlreichen Staudämme im Flusssystem des Columbia River, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet wurden und das Ökosystem der Region, vor allem den Fischbestand, elementar beschädigt haben.

Das Drehbuch legt die Zeichen des katastrophalen Ausgangs der Aktion sehr früh und sehr deutlich aus. Schon in der ersten Szene wird klar, dass der vorbestrafte Hamon, der Dritte im Bunde, der über die nötigen kriminellen und handwerklichen Kenntnisse der Operation verfügt, für Josh und Dena der falsche Mann ist. Ihn interessiert nicht der Lachsbestand des Flusses, ihn interessieren nur Gesetzesbruch und Feuerwerksspektakel. Ihn lässt auch kalt, dass bei dem Anschlag ein Camper ums Leben kommt. Josh und Dena aber geraten in eine Spirale aus Schuldgefühl und Schuldabwehr, in einen moralischen Konflikthorror, aus dem es kein Entkommen gibt.

Die Chronik der sich immer fataler, immer schneller zuspitzenden Ereignisse nötigt Kelly Reichardt ein Tempo ab, das ihrem Filmstil nicht so richtig liegt. Plot und Thema drängen sich unversehens vor die Bilder. Und der Traum von der Landschaft, den die Regisseurin so wunderbar filmen kann, kommt dabei ein wenig zu kurz. Aber der Übergang vom fanatischen Idealismus zum gewaltbereiten Terrorismus wirkt, auch dank der Schauspieler, erschreckend einleuchtend.