Schasada Hussein Mohammed hat sich ein wenig verspätet. "Entschuldigung, ich war auf Truppenbesuch", ruft sie, plumpst in ihren Sessel und holt tief Luft: "Vier Da’isch-Kämpfer haben die Peschmerga heute gefangen genommen. Die hatten über 300.000 Dollar und Waffen dabei, mit denen sie die Araber zum Angriff anstiften wollten." Darauf braucht sie erst einmal ein Glas Wasser.

"Aber", verkündet Schasada danach strahlend, "die Moral der Peschmerga ist gut und meine Laune noch besser." Darauf einen süßen Tee.

Wir befinden uns im Krieg der Kurden gegen den Islamischen Staat (IS), den sie in der arabischen Kurzform da’isch nennen. Die kurdische Armee im Nordirak wiederum heißt Peschmerga: "Die dem Tod ins Auge Sehenden".

Schasada Hussein Mohammed lebt in der Kleinstadt Risgari nahe der iranischen Grenze. Der Horror der vergangenen Wochen – die Massaker der Dschihadisten an den Jesiden, der Vormarsch von IS-Trupps in Richtung der Kurdenhauptstadt Erbil –, all das spielt sich zwar weit weg von Risgari ab. Aber auch hier gibt es eine Front, die IS-Terroristen sind schon näher als 50 Kilometer herangerückt. Und als Anfang August die ersten Bilder der vertriebenen Jesiden gezeigt wurden, da saßen die Frauen von Risgari in Schockstarre vor dem Fernseher. "Genau dasselbe haben wir auch durchgemacht", sagt Schasada. "Nur viel schlimmer", fügt Aska, ihre Nachbarin, hinzu. "Die Welt wusste damals doch nicht mal, dass es Kurden gibt. Uns hat keiner geholfen."

Risgari ist ein kurdischer Schicksalsort. Sein Name bedeutet "Freiheit", seine Geschichte ist die eines Verbrechens.

Iraks Diktator Saddam Hussein hatte 1988 einen Vernichtungsfeldzug gegen die kurdische Bevölkerung im Nordirak geführt. Bis zu 180.000 Menschen – die genaue Zahl ist nicht bekannt – wurden massakriert, die meisten von ihnen waren Jungen und Männer im wehrfähigen Alter. Tausende Dörfer wurden zerstört, ihre Brunnen vergiftet, die Schulen niedergebrannt. Es war eine völkermordartige Racheaktion für den Guerillakampf der Peschmerga, stillschweigend hingenommen vom Westen, der in Saddam Hussein damals ein nützliches Gegengewicht zum iranischen Regime des Ajatollah Chomeini sah.

"Anfal" hieß diese Kampagne, benannt nach der 8. Sure des Korans. Anfal ist das arabische Wort für Kriegsbeute. Was immer nach dem Tod der Kurden, der "Ungläubigen", übrig blieb, so lautete die Devise des Baath-Regimes, durfte geraubt werden. Geld, Hausrat, Frauen.

Schasada verlor während der Anfal-Kampagne ihren Mann, Aska Ali Hama Amin ihren Mann und ihren 18-jährigen Sohn. Mina Ali Babfaris, die zweite Nachbarin, die an diesem Nachmittag zu unserem Gespräch gekommen ist, wurde bei einem Bombenangriff schwer verletzt, vier ihrer fünf Kinder wurden ermordet. Mit unzähligen anderen Überlebenden, vor allem Frauen und Kindern, wurden sie schließlich in erbärmliche Lager umgesiedelt. Aus den Lagern sind inzwischen kleine Städte mit neuen Namen geworden – wie Risgari. Und aus dem Versagen der Peschmerga, die eigene Bevölkerung zu schützen, ist ein Schwur entstanden: Das geschieht nie wieder!

Nun ist in Sindschar dasselbe geschehen. Massaker und Vertreibung – begangen an den Jesiden, verübt von einer Terrororganisation mit Staatsanspruch, die aus dem sunnitischen Widerstand gegen die US-Truppen entstanden ist und maßgeblich von Mitgliedern der einstigen Staatspartei Saddam Husseins unterstützt wird. Und die den sunnitischen Nachbarn der Jesiden wieder anfal versprochen hat, die Beute aus dem Besitz der "Ungläubigen". "Saddam war der Sohn von Hitler, und Da’ish sind die Söhne von Saddam", sagt Aska. "Das wusste ich immer schon."

"Na und", sagt Mina und greift in die Obstschale. "Die Peschmerga werden uns verteidigen. Also essen wir jetzt in Ruhe unsere Trauben."

Die Peschmerga sind in diesen Tagen tatsächlich überall – zumindest im kurdischen Fernsehen. Sämtliche Kanäle senden Dauerschleifen mit kurdischen Kämpfern, die in Pick-ups über staubige Straßen jagen, Mörsergranaten abfeuern und sich mit Feldherren-Gestus über Landkarten beugen. Kurdische Sänger und Sängerinnen posieren in Flecktarn vor schwerer Artillerie und geben schmachtende Heldenlieder zum Besten. Die Zeitungen verkünden im patriotischen Gleichschritt, dass nun auch der Westen die Peschmerga als letzte Hoffnung gegen das Kalifat erkannt habe und endlich Waffen schicken werde.