Dass er so alt wurde, ist einem Zufall zu verdanken. Und dass er wirklich davongekommen war, wusste er erst an jenem Tag, an dem der Sender Alpenland verkündete, der Führer sei gefallen. Was eine Lüge war, denn der Mann aus Braunau hatte sich umgebracht, aber die Meldung von seinem Tod stimmte. In Peter Scholl-Latour stieg an diesem 30. April des Jahres 1945 ein "animalisches Gefühl des Triumphes" hoch. "Für mich war er eine Art Tier der Apokalypse, und nun endlich war das Tier tot."

Zu diesem Zeitpunkt war der 21-Jährige ein Gefangener der SS. Ihm drohte wegen Hochverrats die Todesstrafe. Feldjäger der Wehrmacht hatten Scholl-Latour ein paar Wochen zuvor in Slowenien verhaftet. Man warf ihm vor, er habe sich Partisanen anschließen wollen. "Das stimmte, das wollte ich."

Zunächst bringen sie den Sohn einer Elsässerin und eines Deutschen in ein Gefängnis nach Wien. Die Aufseher wissen, dass die Alliierten den Krieg gewonnen haben, sie halten sich zurück. "Hin und wieder gab es eine Tracht Prügel für einzelne Häftlinge, aber eher aus Gewohnheit denn aus Lust wie bisher."

Scholl-Latour hat in den Knast so viele Läuse mitgebracht, dass "meine Jacke von selbst hätte laufen können", außerdem ist er krank, hat Fieber und Schüttelfrost. Dass es Flecktyphus ist, weiß er noch nicht. Als er die befohlene Gymnastik nicht mitmacht, kommt ein bedrohlich aussehender SS-Mann auf ihn zu. Der Kranke steht stramm und meldet "Schutzhäftling Scholl-Latour an Grippe erkrankt". Die Antwort verblüfft ihn so, dass er sie auch Jahrzehnte danach noch wörtlich zitieren kann: "Dann machen Sie endlich Ihren Mantel zu, Mensch, sonst holen Sie sich noch den Tod."

Die Russen stehen vor Wien, der Häftling Scholl-Latour wird in den Knast nach Graz verlegt. Bei der Einlieferung stellt ein Arzt den Flecktyphus fest und lässt den Kranken in die Klinik bringen. Dem Soldaten, der ihn bewacht, ist längst egal, ob die Handschellen seines Gefangenen geschlossen sind. Auf der Station erkennt der ehemalige Jesuitenzögling die katholischen Ordensschwestern an der Tracht. Von denen weiß er, "dass sie sich in Gottes Namen um ihre Kranken kümmern und alles für die tun würden".

Weil ihn das Leben festhält, denkt er darüber nach, wie er für die neue Zeit am besten gewappnet sein würde. Natürlich war er gegen die Nazis, aber "wie konnte ich wissen, ob mir Zeit genug bleiben wird, dies auch denen zu erklären, die meine Sprache nicht verstehen und lieber schnell mit der Waffe mögliche Zweifel beseitigten?".

Als er ein paar bunte Stoffreste sieht, bittet er eine Schwester, ihm daraus eine Art Flagge für den Eigengebrauch zu nähen, ein blauweiß-rotes Tuch, das er sich aufs Hemd stecken könnte als Symbol für die Trikolore. Er versteckt es unter seinem Laken, bis zu jenem Tag, an dem Hitlers Tod vermeldet wird. In der Nacht besetzen russische Soldaten das Krankenhaus – und an der Tür steht Peter Scholl-Latour, die Trikolore auf dem Hemd, und gehört zu den Siegern.