Eine Stunde und ein Glas Weißwein braucht SVP-Nationalrat Thomas Hurter, bis er diesen Satz sagt: "Die Sache hat mich brutal gestresst." Die Sache, das ist der Hass, den er zu spüren bekam, nachdem er sich kritisch zum Kampfflieger Gripen geäußert hatte. Ausgerechnet er, der Militärfreund im Grad eines Hauptmannes, der als Pilot in der Schweizer Armee dient und die Sicherheitspolitische Kommission des Nationalrats präsidiert. Nie zuvor sei er derart heftig beschimpft und bedroht worden. Er bekam Briefe und Mails, in denen Leute ihn wissen ließen, was für ein Idiot er doch sei. Die meisten davon anonym, so dass er keine Chance hatte, zu reagieren. "Ein regelrechter Shitstorm." Dabei sei es ihm nur darum gegangen, "dass die Schweiz das bekommt, was man ihr versprochen hat". Eine gute Luftwaffe.

Die Ungeheuerlichkeit, für die Hurter mit Schimpf und Schande übergossen wurde: Er hatte seine Meinung gesagt. Öffentlich. Was gibt es Besseres, möchte man meinen, in einer direkten Demokratie, die darauf angewiesen ist, dass alle und jeder – auch Politiker – ihre Argumente in die Diskussion einbringen dürfen?

Bloß: Es ist nicht die hohe Zeit des Argumentierens. Viel lieber wird, von links bis rechts, parteipolitisch strammgestanden. Wer hinterfragt, wird zum "Zögerer", wer sich eine andere Meinung erlaubt, zum "Abweichler", wer mehr als einmal abweicht, zum "Risiko". So wie unlängst die renitent gewordenen CVP-Frauen, die von ihrem Parteipräsidenten zur Aussprache beordert wurden. Das Ziel: mehr Loyalität in der Familie.

Ordentlich, wie er ist, hat Hurter die Hassbriefe in einem Bundesordner abgelegt. "Weil ich sonst nicht glauben würde, dass es wahr ist, was ich da bekommen habe." Nun sitzt er auf den niedrigen Sitzgruppen im Café des Alpes im Bundeshaus in Bern und überlegt lange, ob er Einblick in die Schmähbriefe gewähren soll, die er bei sich zu Hause hat. Vier Tage später, an einem Sonntagabend, schreibt er: "Nach reiflicher Überlegung und immer größerer Verärgerung möchte ich lieber auf einen Versand verzichten."

"Dinge, die einem den Boden unter den Füßen wegreißen"

Sämtliche Politiker, mit denen die ZEIT gesprochen hat, winden sich zuerst. Keiner möchte Nachahmer auf den Plan rufen. Auch von schlaflosen Nächten will niemand etwas wissen. In Nach- und Nebensätzen werden aber Beispiele von Parlamentskollegen genannt, "denen das brutal an die Substanz gegangen ist". Angst, das wird klar, haben nur die anderen. Niemand will als Weichei dastehen. Alle haben sie Christoph Blocher im Ohr, der einst im Tages-Anzeiger spottete: "Dreck soll man nicht abwischen, sondern abtrocknen lassen. Irgendwann hat man einen Panzer." Trotzdem hat sich Thomas Hurter in diesem Frühling manchmal gefragt: "Warum tust du dir das eigentlich noch an?"

Ja, was ist der Preis, den Politiker für ihr Amt bezahlen müssen? Dafür, dass sie sich exponieren, redenhaltend vom Genfer- bis zum Bodensee tingeln, für jedes Lokalblatt jederzeit einen druckreifen Satz parat haben und sich bis an den Rand der Erschöpfung verausgaben? Ist der Lohn, den sie dafür erhalten, mehr als eine Schafseckelzulage, wie man die Parlamentarierentschädigung früher nannte?

BDP-Nationalrätin Ursula Haller muss keine Rücksicht mehr auf ihre Wähler nehmen, sie beendet im Herbst ihre politische Karriere. Auf dem Tisch liegt ein dicker Stapel Papier. Die wirklich schrecklichen Dinge, sagt sie, "die einem den Boden unter den Füßen wegreißen", all das, "was ich meinen Kindern nicht zumuten möchte", sei längst vernichtet. Was also da liegt neben ihrem sommerlichen Fitnessteller, neben saftigen Melonen und knackigen Salaten, muss demnach harmlos sein. Man liest:

"Ich töte Dich Du geile Nigger Fotze!"

"Ich habe Sie im Fernsehen gesehen und musste sofort kotzen!"

"Pass auf, was du machst!"

"Miesmacherin"

"Volksbetrügerin"

"saudummes Huhn"

"Dirne"

Neben den in akkurater Handschrift formulierten Briefen, neben Postkarten, Mails und verkritzelten Zeitungsausrissen zeugen Kopien von Strafanträgen von den anonymen Morddrohungen, die Haller vor zwölf Jahren erhielt, als sie sich für einen Beitritt der Schweiz zu den UN starkmachte. Damals – und auch sechs Jahre später, nach der Abwahl von Christoph Blocher – brauchte sie Personenschutz der Polizei. "Ich habe alles erlebt", sagt sie, "aber ich denke nicht immer daran."

Denn Politiker sind auf Rückmeldungen aus der Gesellschaft angewiesen. Sie leben nicht nur von erfolgreich geschmiedeten Allianzen, sondern auch vom Beifall ihrer Wählerschaft. Für die grünliberale Ständerätin Verena Diener ist "spontanes Lob und Wohlwollen", das sie manchmal von Unbekannten erhält, wenn sie auf den Zug wartet, ein wichtiger Antrieb für die politische Arbeit und ein Zeichen dafür, "dass es sich lohnt, sich einzusetzen".