Welchem Streben folgt Putins Politik: nüchternen Interessen, geopolitischer Großmannssucht oder einem ideologischen Masterplan? Seit der Verschärfung der Ukrainekrise wird in deutschen Medien vermehrt über einen ideologischen Hintergrund der russischen Außenpolitik spekuliert: Hinter Putins Expansionskurs stehe womöglich die Weltanschauung des Neo-Eurasianismus, verkörpert im konservativen Dogmatiker Alexander Dugin. Der 52-jährige Doyen und hyperproduktive Wortführer der "Eurasischen Bewegung" firmiert in diesen Deutungen als insgeheimer Dämon der russischen Großmacht – und als Putins Einflüsterer. War die Erforschung der eurasianistischen Ideologie, die in den 1920er Jahren unter Exilrussen ihren Anfang nahm und seit den 1990er reanimiert wird, bislang die Domäne von Experten der russischen Kultur und Politik, wird sie nun in ein grelles, politisch brisantes Licht gerückt. Ist also der Schlüssel für den russischen Aggressionskurs gefunden, der der westlichen Öffentlichkeit Rätsel aufgibt?

Ein Blick in Dugins Schriften und in die Onlineverlautbarungen seiner "Eurasischen Bewegung" erweckt durchaus diesen Anschein. Zog Dugin in den 1990ern noch mit den Nationalbolschewisten in den politischen Parteienkampf, geriert er sich nun als Intellektueller am Puls der Macht – und entwirft dabei eine brisante Ideologie: Er imaginiert ein sakrales, expansives, militaristisches Imperium mit Russland im Herzen; auch die gelegentlichen Verweise auf europäische rechtsextreme Bewegungen und die zum Ausdruck gebrachten Sympathien mit Stalin wie auch dem "Dritten Reich" sind wenig ermutigend und fügen sich in die Angst vor Putin als Negierer "westlicher" Normen. Mit seinem weltanschaulichen Repertoire, das zwischen kruder Kriegstreiberei und der Vulgarisierung von Klassikern der Politischen Theorie und Geopolitik oszilliert (darunter Halford Mackinder, Francis Fukuyama und Carl Schmitt), hat Dugin es auch im Marsch durch die russischen Institutionen weit gebracht: Er war bis vor Kurzem Leiter des "Zentrums für konservative Studien" an der Moskauer Lomonossow-Universität, absolviert des Öfteren Auftritte im staatlichen Fernsehen und steht in Beratungsverhältnissen zu Duma und Kreml; die "Internationale Eurasische Bewegung" zählt Protagonisten der politischen Elite zu ihren Mitgliedern.

Und dennoch: Nicht nur fehlen hinreichend konkrete Anhaltspunkte dafür, dass der Eurasianismus und insbesondere Dugins Programm sich in Putins Politik direkt niederschlagen, sondern es gibt plausible Gründe für die Kreml-Führung, die Finger vom geopolitischen Repertoire des berühmtesten Neoeurasianisten zu lassen.

Zunächst ist es durchaus fraglich, ob es so etwas wie eine eurasianistische Denktradition überhaupt gibt: Dugins Vorschläge nehmen allenfalls den Verweis auf einen eurasisch-kontinentalen Raum von den Vorläufern der Zwischenkriegszeit auf. Jene argumentierten kaum expansiv oder kriegerisch, sondern eher kulturtheoretisch und autarkieorientiert. Ob es sich beim Neoeurasianismus also tatsächlich um ein Comeback einer etablierten Position der russischen Geistesgeschichte handelt, ist fraglich.

Wichtiger aber ist – zweitens – der Mangel an handfesten Argumenten für die These, Putin rezipiere den Duginschen Eurasianismus und orientiere sich an dessen Programmatik. Neben den genannten Indizien für Dugins Erfolg im intellektuellen Establishment existieren weder konkrete institutionelle Anhaltspunkte oder dahingehende Äußerungen des Präsidenten: Eine öffentliche Persona wie Dugin, die selten ein Blatt vor den Mund nimmt, sollte man wohl beim Wort nehmen, wenn er in einem großen Interview im Spiegel (Nr. 29/2014) sagt: "Ich kenne Putin nicht, ich habe keinen Einfluss auf ihn." Seine Entlassung von der Universität nach den jüngsten allzu hasserfüllten Worten zur Ukrainekrise verbürgt diese Selbsteinschätzung.

Ebenso wenig lässt sich Putins Politik plausibel als Umsetzung neoeurasianistischer Programmatik begreifen. Zwar sind Elemente des eurasianistischen Denkens auch in der offiziellen Kreml-Linie identifizierbar – Antiglobalisierungsrhetorik, geopolitische Argumentationen und nicht zuletzt die Vokabel "Eurasien" –, doch handelt es sich eben um Einzelfragmente. Auch wenn diese Nuance bisweilen übersehen wird: Der Gebrauch von Einzelkonzepten und -argumenten impliziert nicht notwendigerweise eine Bejahung oder Anverwandlung ganzer Ideengebäude, denn solche Fragmente kursieren innerhalb des russischen Politik- und Identitätsdiskurses auch in anderen ideologischen Konfigurationen, von der nationalistischen Orthodoxie bis hin zum Neostalinismus. Dass die neu gegründete ökonomische "Eurasische Union" den Kontinent im Titel trägt, ist deshalb zunächst nur ein Hinweis auf den Willen regionaler Integration unter russischer Ägide und auf den Stellenwert von Eurasien als identitätsbildende Größe, nicht aber automatisch auf ein bestimmtes ideologisches Programm.

Dass Putin sich zu Eurasien, nicht aber zum Eurasianismus bekennt, ist ein wichtiges Indiz für einen entscheidenden dritten Punkt. Dugins Politikvorschläge sind nicht Elitendoktrin, sondern Massenideologie. Die Verbreitungsmedien – das in Russland allmächtige Fernsehen, Internet und Radio, die Massenuniversität auf dem Sperlingshügel, diverse Zeitschriften in den 1990er Jahren – sind auf eine breite Öffentlichkeit angelegt; vor allem aber bietet der Neoeurasianismus, trotz letztlich Tausenden publizierter Seiten, keinen praktikablen Außenpolitikentwurf, von einer konsistent entworfenen Innenpolitik für das imaginierte Imperium ganz zu schweigen. Die Währung seiner Theorie ist die Identitätsbildung durch Spektakel, Transgression und Tabubruch – und mit ihr kann die politische Elite nur eines anfangen: eine Mobilisierung der Massen durch die Wiederholung der Schlagworte, Parolen, Narrative und politischen Mythen, die Dugin aufbietet.

Ungefährlich ist eine solche Enthusiasmierung von Teilen der russischen Bevölkerung für eurasische Großmacht und gegen den Westen natürlich nicht; die Eigendynamik, die die Selbstverpflichtung des Kremls auf diese Eckpfeiler entfaltet, ist bereits beobachtbar – eine forsche Außenpolitik mit wenig Rücksicht auf Verluste und Kosten ist zum innenpolitischen Gebot geraten für eine Führung, die sich vor Protesten wie jenen im Jahr 2011 wappnen will.

Doch der Realpolitiker Putin ist zu klug, um seine Agenda mehr als unbedingt nötig an ideologische Programme zu binden, die von außen an ihn herangetragen werden: Weltanschauliche Konsistenz impliziert eine Einschränkung politischer Handlungsräume, zu der kein pragmatischer Politiker bereit ist. In diesem Sinne ist die politische Landschaft in Russland postsowjetisch – und Putin ist zu sehr Interessenpolitiker, um seine Dämonie der Macht anderen Dämonen zu überlassen. Trotz allem berechtigten Alarmismus: Der "Westen" sollte sich nicht von Dugins Thesen dazu verleiten lassen, die russische Außenpolitik ausschließlich in Worst-Case-Szenarien zu antizipieren.