Unsere Liebe zur Oper ist so perfekt gefedert wie ein Boxspringbett: Wenn uns schon nicht die Musik euphorisiert oder zu Tränen rührt, gibt es immer noch die Empathie für Helden, Liebende, Opfer. Daher befällt manchen eine gewisse Unruhe, wenn ein moderner Komponist ihm auch das Emotionale vorenthält und hochgradig ironisch erklärt: "Es gibt zwar einen Sopran und einen Tenor, aber der Sopran ist nicht in den Tenor verliebt, und es gibt keinen Bass, der das langweilig findet." Stattdessen geht es in Louis Andriessens Werk De Materie nur um Dinge: sichtbare und unsichtbare, teilbare und unteilbare.

Eine Oper, die keine ist: Der 1939 geborene Niederländer würfelt Kunsttheorien von Piet Mondrian, Tagebucheinträge der Madame Curie zur Radioaktivität, das religiöse Seufzen einer Nonne, frühe holländische Verfassungstexte und die komplette Bauanleitung für ein hölzernes Hochseeschiff in die Partitur. Es fehlt nur die unvergessliche Ansprache von Sepp Blatter vor der Fifa im Jahr 1985, als er zur Besinnung auf die einzig relevante Materie – den Ball – aufrief. Jedenfalls erklingt eine Musik, die von Bach über Atonalität bis Boogie-Woogie alles möglich macht.

Als Regisseur sollte man, um dieses musiktheatralischen Wechselbalgs Herr zu werden, das Spielkind in sich nicht abgetötet haben. Ein Fall für Heiner Goebbels: Der Intendant der Ruhrtriennale legte höchstpersönlich Hand an die Materie und baute mit seinem Bühnenbildner Klaus Grünberg die gewaltige Kraftzentrale im Duisburger Landschaftspark, einen fulminant länglichen Industrie-Dom, zu einem wunderlichen Phantasialand um. Während der 144 Fortissimo-Schläge aus dem Orchester zum Beginn und beim Dröhnen gewaltiger Hämmer schauen wir auf fluoreszierende Zelte, die wie das Basislager einer Expedition zum Nanga Parbat wirken, der über Nacht der Berg abhandengekommen ist. Statt des Gipfels sehen wir drei hell schimmernde Zeppeline, die in ruhigster Bewegung über dieser Szene kreisen. Sie sind den ganzen Abend über zur Animation unserer Vorstellungskraft unterwegs und erfüllen gewiss auch die Aufgabe von Zäpfchen, mit denen sich klemmende Einfälle des Regisseurs unverzüglich abführen lassen.

Bald kommt ein tenoraler Schreihals, der wie von Rembrandt gekleidet wirkt und Atomismustheorien vorträgt (ein vokal anspringender Rhetor: Robin Tritschler); auf der linken Balustrade stehen acht holländische Edelleute, die besagte Schiffsbauanleitung Hölzchen für Hölzchen absingen (exzellent: ChorWerk Ruhr). Bald ist die Bühne in giftgrünes Licht getaucht, unter dem ein ganzes Frauenkloster einzieht und sich auf Bänke bettet, während eine Brabanter Begine namens Hadewijch (mit wonnig knabenhaftem Sopran: Evgeniya Sotnikova) von einer Vereinigung mit dem Heiland träumt; im Mittelalter wurde das unio mystica genannt. Danach turnen zwei Tänzer wie die Duracell-Häschen aus der Batteriewerbung zu Farbkreisen in Rot, Gelb, Weiß und Blau (Mondrian!).

Der Höhepunkt aber ist der vierte Akt, in dem Goebbels die Essenz von Andriessens Werk, die Vermählung des Werdens und Gehens zu einem fromm-rituellen Gebrabbel, theologisch deutet: Schafe schreiten ernst dahin, vermutlich zur Schlachtbank. Ihnen liefern Terzinen des niederländischen Dichters Willem Kloos ein gefährlich leckeres Futter: "Träum schönen Tod, unsterbliches Verlangen". Solche intellektuellen Bildprobleme kann die Ruhrtriennale nicht mit lokalen Kräften lösen; also ließ Goebbels 100 Schafe aus dem Raum Düsseldorf importieren, die aus der Kraftzentrale eine Außenstelle des Duisburger Zoos machen. Sehr diszipliniert, unter eher seltenem Blöken und Mähen, zog die Herde über die Bühne und drehte Kreise, während das Orchester wütete oder säuselte. Sie ließ eine erkleckliche Menge an Materie unter sich und verschwand irgendwann wieder in den uneinsehbaren Räumen der Garderobe, während im Vordergrund Madame Curie an einem riesigen Tisch neben vielen Wissenschaftlern Platz nahm und ein Klagelied abbetete. Den Geruch der Materie ertrug sie stoisch.