Auf den ersten Blick ein eher plumper Plot: Die Christen um Ritter Roland kassieren im Krieg den Maurenprinzen Fierrabras, welcher das Fräulein Emma liebt, die sich aber Eginhard herzlich versprochen hat. Der Maurenkönig wiederum setzt die Buddies Roland und Eginhard gefangen, wandelt sich dann jedoch, dramaturgisch im Handumdrehen, zum versöhnlichen Super-Sarastro. Aus seinem Gegner, Karl dem Großen, wird, ähnlich geschwind, ein milder Über-Titus. Übrig bleibt: sublimierte Sexualität.

Joseph Kupelwiesers reimklingelndes Libretto zu Franz Schuberts Oper Fierrabras bedient im weitesten Sinne das Genre der sogenannten Türkenoper, zu dem Mozart seine Entführung beigesteuert hatte, die aber, genau betrachtet, auch nicht weniger Klischees enthielt als der fast nie gespielte Fierrabras von Franz Schubert vierzig Jahre später. Das Besondere an Schuberts Oper ist, dass "innere Vorgänge zur Handlung werden", wie die marxistisch geschulte Regisseurin Ruth Berghaus scharf erkannte, die (gemeinsam mit Claudio Abbado) das Stück 1988 bei den Wiener Festwochen rettete, indem sie es psychologisierend und als "Geschichte von fünf Jugendlichen, die Liebe und Freundschaft bindet", inszenierte. Über die fantastisch reiche Musik stülpte sie, woran die Figuren zu ersticken drohten: Konvention und Klassenzugehörigkeit.

Der Regisseur Peter Stein hingegen, früher ein Mann mit grandiosen Visionen, inszeniert bei den Salzburger Festspielen nur eine Geschichte, die er selbst "uninteressant" findet, nach einem Libretto, das er für "grauenvoll" hält (den Komponisten Schubert nimmt Stein für die Gage gerade noch billigend in Kauf). Was er, sich hinter seinem Bühnenbildner Ferdinand Wögerbauer versteckend, abliefert, ist allenfalls eine Laubsägearbeit. Gebastelt wird die Parodie auf ein Singspiel mit Mittelalterappeal, bei dem der ungebrochene Biedermeierblick gelangweilt auf ein paar Pappkameraden im Kettenhemd fällt. Heraus kommt Stillstandtheater mit geradezu zynischem Subtext. Takt für Takt wippen bei der Soldatenparade die Burgfräulein ihr Gesicht – mal links, mal rechts – im Monty-Python-Modus zwischen den Schultern der Männer heraus, als suchten sie den, der die Kokusnuss geklaut hat.

Der für Nikolaus Harnoncourt eingesprungene Dirigent Ingo Metzmacher verhilft dem Abend mit den Wiener Philharmonikern dennoch zu ereignishaftem Rang. Er ignoriert den szenischen Edelschrott und kommuniziert mit den Sängern (groß darunter Georg Zeppenfeld als Karl, eher grob Michael Schade als Fierrabras), indem er fast jedes Wort mitsingt, sich wiegt, unentwegt befeuert und alle trägt. Ein Liebhaber der Partitur und ihrer modernen Konnotationen. Und siehe, von "grauenvoll" kann oft keine Rede sein. "Weit über Glanz und Erdenschimmer/Ragt meiner Wünsche hohes Ziel/Und jedem Glück entsag’ ich immer/Lohnt mich der Liebe süß’ Gefühl", heißt es hoch expressiv in der Auftrittsarie der Florinda, gesungen von dem fabelhaften Ausdruckswunder Dorothea Röschmann. Die Arie wandert einmal quer durch den Quintenzirkel, von As-Dur, wo das Leid lastet, zu E-Dur, wo es schön wäre, das Leben, und schnell wieder zurück. Es ist ein alter Schubert-Topos – Misstraue der Idylle, da wird nichts draus! –, aber Röschmann und Metzmacher zeigen genial, wie man daraus dramatischen Gewinn schlägt, das heißt, schlagen könnte – dürfte man. Ein Beispiel von vielen.

Metzmacher findet aber nicht nur zu einem klug und klangscharf disponierten Zug in den emotional aufgewühlten Szenen, sondern verfügt auch immer wieder über ein hervorragendes Kontrastmittel: Schuberts Melodienreichtum moduliert er, so weich und fließend es nur irgend geht. Insofern gilt in Salzburg nur ein probates Mittel: Augen zu und durch! Aber eine wirkliche Festspielempfehlung ist das natürlich nicht.