"Wir lassen die Pappeln fällen. Sie können nichts dagegen tun." Hätte ich nicht Angst aus der Stimme des Mannes herausgehört, hätte ich nicht erfahren, dass ich mich als Anwohnerin gegen das Entwurzeln vor meinen Fenstern aufbäumen kann. Und dann hätten die rauschenden Schönheiten, die die fünfstöckigen Häuserreihen im Basler Gotthelfquartier weit überragen, diesen Frühling nicht überlebt. Ein Baumkrimi fing an.

Ich klingle bei den Nachbarn. Sie sind untröstlich von der Botschaft, die uns der Pappelbesitzer, der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband, in die Briefkästen geworfen hat. Darin werden expandierende Schandtaten beklagt: Pappelwurzeln kröchen in die angrenzenden Garagen des Malermeisters hinein, Äste fielen aufs Garagendach. In unserem Innenhof werden Territorialkämpfe ausgetragen.

Die Basler Stadtgärtnerei meint, sie müsse dem geplagten Blindenverband helfen. Die Hilfe besteht in der Fällbewilligung von zwei Säulenpappeln, die im Baumschutzgesetz des Kantons Basel-Stadt als schützenswert gelten. Beide Streitparteien sehen sich als Opfer, nun sollen die Wehrlosen geopfert werden.

Sie wiegen sich, mal sanft, mal wuchtig.

"Spüren sie, dass man ihnen nach dem Leben trachtet?", fragt mein Sohn.

Das Zeitgeist-Credo der Stadtgärtnerei lautet: "Pappeln gehören nicht ins Stadtbild." Als sie in der Zwischenkriegszeit gepflanzt wurden – die Pappel galt als billig und schnell wachsend –, endete hier die Stadt.

Wir erheben Einsprache. Diese Lebewesen sind für uns tägliche Freude, zudem bieten sie Sicht-, Lärm-, Hitze-, Feinstaubschutz und Vögeln eine Konzertbühne. Ich hänge Flyer an jede Haustür rund um den Innenhof. Daraus entsteht eine Bürgerbewegung. Ein Pappelaktivist sammelt mit ein paar Helfern Unterschriften. Er hat einen ausgeprägten Sammeltrieb, will Nachbarn zu einem Pappelfest versammeln und für den Erhalt der Bäume sammeln.

Die Pappelbesitzer schwören, sie hegten keinen Groll gegen die Bäume, bloß: "Wie sollen wir die Garagenschäden und die Anwaltskosten bezahlen?" Doch unser Angebot, sie tatkräftig zu unterstützen, lehnen sie ab. Sie haben sich auf ihre Henkersrolle versteift. Es ist schon ihr viertes Fällgesuch. Die Stadtgärtnerei hat sie zunächst abgelehnt, da schützenswerte Bäume wertvoller als die Autowelt seien. Diese Wertskala gilt jetzt nicht mehr.

Die Pappelbesitzer sind sehende Verwalter ihrer sehbehinderten Mitglieder, baumblind mögen sie schon sein. Sie kommen zur Begehung zusammen mit den Mitgliedern der Baumschutzkommission und der Verantwortlichen der Stadtgärtnerei, die als Ersatz für die gefallenen Ehrwürdigkeiten ein zartes Bäumchen in die Leere pflanzen will. Der Pfleger der Pappeln schaut bewegt zu ihnen empor und sagt:

"Sie haben sich gut entwickelt. Sie sind kerngesund."

Anfang Sommer kommt ein Brief, der uns zu erschlagen droht. Aus rauschenden Rowdys, die sich an schäbigen Garagen vergriffen haben, sind potenzielle Schläger und Mörder geworden. In einem klugen Schachzug ersetzt die Stadtgärtnerei das global ramponierte Besitzdenken durch das geheiligte Sicherheitsdenken. Wer haftet, wenn der Maler aus dem Auto steigt und eine Beule abbekommt? In der Hierarchie zwischen Mensch und Baum steht der kleine Mensch zuoberst, so ist es in der Verfassung verankert.

Man handelt getreu nach der Logik: "So simmer uff dr sichere Site."

Wir machen Rekurs. Ich hebe den Blick von meinem Schreibtisch, und zwischen dem Laub sehe ich viele Fenster und Balkone. Hier wohnen hundertdreizehn Menschen, die sich mit ihrer Unterschrift zu Pappelfreunden bekannt haben. Wir vertiefen uns mal in die Dendrologie, dann in die Rechtswissenschaft und kämpfen uns durch das Schreiben der Stadtgärtnerei – ein Blendwerk, das aus vagen Theorien besteht, zwar ist es keine Naturlyrik, doch auch von Sachlichkeit weit entfernt.

Das erneute Todesurteil gründet sich auf der mutmaßlich pappelhaften Neigung zum Striptease; es heißt, die Pappel werfe in sommerlicher Trockenheit grüne Äste ab. Es macht sich auf jeden Fall gut, wenn der Charakter der Täterin ruchlos unberechenbar ist. Doch die pappelige Entkleidungsunsitte ist nur eine Vermutung. Zudem kann ein in der Windstille senkrecht fallender Ast nicht in den benachbarten Hof fallen. Auf das Gravitationsgesetz ist Verlass, während die Baumkunde keine exakte Wissenschaft zu sein scheint.

Als zentraler Punkt wird die Unvorhersehbarkeit eines Astabbruchs bei Windstille angeführt. Bei starkem Wind sei das Sicherheitsrisiko erkennbar, meint die Stadtgärtnerei und fügt noch einen Windzug hinzu, der durch eine Häuserlücke komme und angeblich eine besondere mikroklimatische Situation schaffe. Daraus wird flugs eine klare Kausalkette. Doch Klarheit ist etwas ganz anderes. Auf der Suche nach ihr müssen wir den Knäuel aus Halbwahrheiten und Hypothesen entwirren.

Nachbarn sprechen uns traurig, fassungslos an, sie sehen schon den ganzen Innenhof von bösartigen Menschen verwüstet. Eine junge Frau will sich samt Ehemann an die Bäume anketten, falls die Säge geschwungen wird. Jemand wittert gar politische Arroganz: "Auf dem Bruderholz, wo die Reichen ihre Villen haben und wo viele Pappeln stehen, würde die Stadtgärtnerei das nicht wagen." Wir wittern wiederum den Unwillen, den nachbarschaftlichen Streit anders zu lösen, und vor allem Angst vor eventueller Haftung.

Es ist nicht nur am bequemsten, den potenziellen Verbrecher auszureißen, sondern auch juristisch unhaltbar. Die radikalste Lösung darf erst dann angewandt werden, wenn andere, mildere Möglichkeiten ausgeschöpft worden sind: Baumpflege intensivieren, ein Netz anbringen, Warnschilder aufstellen, Mediatoren für den Streit einsetzen ... Vorstellungskraft ist gefragt.

Wir sind inzwischen zu Hobbykriminalisten mutiert. Warum lässt der Malermeister die Garagen in einem erbärmlichen Zustand, wenn er sich über jeden Riss aufregt? Als sie vor dreißig Jahren gebaut wurden, galt das jetzige Baugesetz noch nicht, nach dem es verboten ist, so nah an Bäumen zu bauen. Für eine Sanierung braucht der Maler eine Fällbewilligung. Macht er die Pappelbesitzer zu Auftragskillern – rein bildlich gesprochen –, um es endlich tun zu dürfen?

Der mobbende Malermeister, der mutlose Blindenverband und ein Amt, das in seiner chronischen Angst zu haften die Lizenz zum Töten gibt. Eine unheilvolle Dreieinigkeit ist hier entstanden. Schwäche und Angst sind gefährliche Laster. Beide sollte man fällen, samt Bauwut und Faulheit, und an ihrer Stelle Stärke und Mut zum Leben zu pflanzen.