Bei Facebook sind die beiden 42-Jährigen Freunde: Julia Jäkel und Dominik Wichmann. Allerdings wohl nur noch dort. Vor einer Woche hat die Gruner + Jahr-Vorstandschefin den Chefredakteur des Wochenmagazins stern, das eine Art journalistisches Aushängeschild des Verlages ist, nach nur 15 Monaten gefeuert. Auf ziemlich unschöne Art.

In der Redaktion erzählt man es sich so: Es war Donnerstagmorgen, Wichmann stand gerade im Kindergarten und verabschiedete sich von seinem Nachwuchs, da rief ihn ein Medienjournalist an – ob es wahr sei, dass er kurz vor der Ablösung stehe? Wichmann soll das kalt erwischt haben. Den Vormittag über soll er nach dem Anruf keinen der drei Verlagsvorstände erreicht haben, die die Personalie zunächst offiziell dementieren ließen, um sie am frühen Nachmittag, nachdem Wichmann nun doch in sein Schicksal eingeweiht war, auf einer Vollversammlung der Hamburger Redaktion zu bestätigen: Seine kurze Ära beim stern sei ab sofort vorüber.

Warum eigentlich? Wer Julia Jäkel diese Frage stellt, bekommt statt einer Antwort einen Lob- gesang ins Telefon geflötet: "Dominik Wichmann ist ein sehr, sehr guter Journalist und ein angenehmer Zeitgenosse. Er verlässt Gruner + Jahr (G + J) mit der besten Reputation. Mit den Veränderungen, die er eingeleitet hat, sind wir zufrieden. Er hat neuen Schwung hereingebracht." So ähnlich hatte sie es auch formuliert, als sie den versammelten Redakteuren eigentlich erklären sollte, weshalb Wichmann aus ihrer Sicht nicht mehr länger tragbar sei. Ihre Erklärung ist natürlich keine Antwort auf die Frage, warum sie Wichmann entlassen hat. Zumal an einem Tag, an dem ein optisch und inhaltlich überarbeiteter stern erschienen war – die zweite Renovierung innerhalb eines Jahres.

Das Wie und die fehlende Begründung hätten die Redaktion schockiert und fassungslos gemacht, ist dort zu hören – auch von jenen, die explizit nicht als Wichmann-Freunde bekannt sind. Denn Feinde, die hat er schon. Gerne wäre der Geschasste vergangenen Donnerstag vor seine Mannschaft getreten, um ein paar Worte des Abschieds zu sprechen, erzählt eine Führungskraft. Das sei ihm aber verwehrt worden: "All das stärkt nicht gerade das Vertrauen der Redaktion in den Verlagsvorstand", sagt der Journalist.

Zurück bleiben viele Sätze mit Fragezeichen, die zu einer übergeordneten Frage führen. Was ist eigentlich los am Hamburger Baumwall?

Es klingt beinahe wie ein Scherz: Während die Manager des Verlags G + J, dessen Geschäft die Worte sind, offiziell nichts sagen, werfen manche Wichmann hinter vorgehaltener Hand fehlende Kommunikation vor. Vor allem aber sei sein Führungsstil zu autoritär gewesen.

Wichmann, der im Juli 2011 von der Spitze des Süddeutsche Zeitung Magazins zum stern gewechselt war, um im Mai 2013 dessen alleiniger Chefredakteur zu werden, eckte in der Redaktion regelmäßig an, vor allem bei Alteingesessenen. Er löste ganze Ressorts auf und schuf neue, entmachtete Führungspersonal, zog Hierarchieebenen ein, besetzte viele Funktionen neu. Zeit hat sich Wichmann dabei keine gelassen, er baute alles radikal um, in wenigen Monaten – nach vielen Jahren des Stillstandes unter seinen Vorgängern. Er war ja mit dem Auftrag des Verlages angetreten, das Magazin von Grund auf zu reformieren.

Journalistisch kam der neue stern sowohl bei Wichmanns Untergebenen als auch bei seinen Vorgesetzten in weiten Teilen gut an. Der Umbau der Redaktion dagegen nicht. "Das ist aber doch auch keine große Überraschung: Wenn man Alt- gedienten ihre Pfründe wegnimmt, stößt das erst mal nicht auf Gegenliebe", sagt ein leitender Angestellter. Zudem: Als Jäkel bei der Vollversammlung verkündete, dass Christian Krug, 48, der derzeitige Chefredakteur der Gala, auf Wichmann folgen würde, habe sie auch gesagt, sie wünsche sich einen Chefredakteur, der stark führe. Was denn nun – eine starke Persönlichkeit oder nicht?

Wenn Julia Jäkel wollte, könnte sie auf Wichmanns Facebook-Pinnwand nachlesen, was ihre Entscheidung von vergangener Woche, die sie angeblich schon seit April vorbereitete, für Reaktionen ausgelöst hat. Seit vergangenem Donnerstag reihen sich dort Aberdutzende entrüstete und aufmunternde Kommentare untereinander. Einer davon lautet: "Der stern- Chef war zu autoritär? Henri Nannen würde sich totlachen." Tatsächlich galt Nannen, der das Magazin gegründet und über 30 Jahre lang als erster Chefredakteur geführt hat, als wenig zimperlich im Umgang mit seinen Mitarbeitern, ebenso wenig wie die meisten seiner Nachfolger. Wichmann wäre der erste stern- Chefredakteur, der wegen angeblich zu autoritären Führungsstils entlassen worden wäre.