DIE ZEIT: Krieg in Gaza, Kämpfe in der Ukraine, IS-Terroristen im Irak und in Syrien: Es ist der Sommer der Kriege. Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen Krisen?

Ursula von der Leyen: Konflikte entstehen oder eskalieren dort, wo Zentralregierungen eine ausgrenzende Politik betreiben, also bestimmte ethnische oder religiöse Bevölkerungsgruppen systematisch bevorzugen oder unterdrücken. Minderheiten radikalisieren sich oder werden – wie im Fall der Ostukraine und Russland – von anderen benutzt. Ein zweites Muster ist: Krisen entstehen, wo Grenzen infrage stehen. Entweder werden sie willkürlich gebrochen, wie auf der Krim und im Osten der Ukraine. Oder sie werden von Teilen der Bevölkerung nicht akzeptiert, weil sie einst quer durch Stammesgebiete aufgezwungen worden sind, wie etwa in Afrika und im Nahen Osten. Oberstes Ziel der internationalen Politik muss es daher sein, die Integrität der einzelnen Staaten zu erhalten und Regierungen zu stärken, die alle Bevölkerungsgruppen einbeziehen. Das gilt für die Ukraine ebenso wie für den Irak.

ZEIT: Die USA haben sich eine defensivere Rolle auferlegt. Welche Auswirkungen hat das?

Von der Leyen: Die zurückgenommenere Rolle der USA ist sicherlich nicht der Auslöser der aktuellen Konflikte. Aber sie hat ein Machtvakuum entstehen lassen. Die Mitgliedsländer der EU müssen ihre Außen- und Sicherheitspolitik deutlich effizienter aufeinander abstimmen, um die entstandene Lücke füllen zu können. Aus meiner Erfahrung mit anderen Ministerämtern kann ich nur sagen: Auf anderen Feldern arbeitet Europa bereits effizienter zusammen. Es lohnt sich, diesen Weg weiterzugehen.

ZEIT: Müssten wir dann nicht intensiver über eine Außen- und Sicherheitspolitik der EU nachdenken? Sie wollen stattdessen mehr deutsche Verantwortung.

Von der Leyen: Aber das ist doch der Kern der Debatte. Wenn ich sage, Gleichgültigkeit ist keine Option, meine ich: Wer sich raushält, hat keinen Einfluss. Wir wollen keine nationalen Alleingänge starten. Aber wir wollen innerhalb der Bündnisse – der EU, der Nato – mehr Verantwortung übernehmen, den deutschen Dreiklang von Diplomatie, wirtschaftlicher Zusammenarbeit und Sicherheit einbringen.

ZEIT: Bis zur vergangenen Woche galt der Grundsatz, kein militärisches Gerät in Krisengebiete zu liefern. Mit den Lieferungen in den Nordirak hat sich das geändert. Ist das der Beginn einer neuen Außenpolitik?

Von der Leyen: Nein, es ist eine Weiterentwicklung der Sicherheitspolitik. Die Anfänge reichen mehr als 20 Jahre zurück. Was längst vorbei ist, ist die Politik allein mit dem Scheckbuch. Deutschland bringt sich heute breiter ein. Das löst innenpolitisch oft schmerzhafte und dilemmareiche Debatten aus, aber dem müssen wir uns angesichts der gewachsenen wirtschaftlichen und politischen Bedeutung unseres Landes stellen. Auch unsere Partner erwarten, dass wir uns ohne Schere im Kopf beteiligen. Daraus folgt aber auch kein Muss.

ZEIT: Was wird Deutschland noch in den Irak liefern? Das Sturmgewehr G36?

Von der Leyen: Wichtiger als die Frage, ob und welche Waffe wir am Ende liefern, ist die Bereitschaft, Tabus beiseitezulegen und offen zu diskutieren. An dieser Stelle sind wir gerade. Es geht nicht mehr um humanitäre Hilfe versus Ausrüstungshilfe, es geht um beides. Wir prüfen derzeit, was im Nordirak gebraucht wird, was andere liefern und was wir leisten können. Lange Zeit war gar nicht vorstellbar, von Lebensmitteln bis zu militärischem Gerät zu prüfen.

ZEIT: Warum geht das jetzt, was hat sich geändert?

Von der Leyen: Den Boden bereitet hat die Diskussion über eine veränderte Rolle Deutschlands in den letzten Monaten. Und die Dramatik der Situation bringt die Nagelprobe. Jeder sieht, dass Hunderttausende von Menschen nicht nur vom Hungertod bedroht sind, sondern auch durch die blanke Gewalt der IS-Milizen. Hinzu kommt der hohe Anteil dschihadistischer Kämpfer aus Europa. Kriegserfahren, verroht, fanatisiert kehren sie in ihre Herkunftsländer zurück – und tragen Hass und Gewalt zu uns. Der Anschlag von Brüssel war ein erstes Warnsignal.

ZEIT: Wird Deutschland am Sindschar verteidigt?

Von der Leyen: Richtig daran ist: Wir leben nicht auf einer Insel. Die Dinge gehen uns etwas an. Wenn wir wirtschaftlich und politisch global agieren, dann sind wir auch sicherheitspolitisch global herausgefordert.

ZEIT: Eine Sicht, die laut Umfragen von der Bevölkerung nicht geteilt wird.

Von der Leyen: Umso mehr sind wir Politiker gefordert, die Debatte darüber beherzt, offen und unerschrocken zu führen. Wir haben das in der Euro-Krise auch so getan – und es war erfolgreich. Die Menschen stehen heute fester zu Europa als vor der Krise.