"In Putins Russland bahnt sich Unheilvolles an: Stalin kehrt zurück. Für jemanden, der wie ich seine Jugend unter Stalin verbracht hat, ist das eine Ungeheuerlichkeit." Mit diesen Worten eröffnete Wolfgang Leonhard sein letztes Buch, Anmerkungen zu Stalin, das 2009 erschien und das man als sein Vermächtnis verstehen kann. Für ihn war die Erinnerung an den Stalinismus Lebenszweck. An nichts anderem hatte er sich abgearbeitet, und nun sollte alles vergeblich gewesen sein, nur weil Menschen sich nicht daran erinnern wollen, was die Diktatur angerichtet hatte.

Wolfgang Leonhard war das Gewissen der alten Bundesrepublik. Ihm, dem ehemaligen Kommunisten, glaubte man, was er über die Sowjetunion und den Stalinismus mitzuteilen hatte. Er war ein Enttäuschter, kein Falke und Antikommunist. Er litt, aufrichtig und unverstellt, und er besaß das Talent, dieses Leiden an der Wirklichkeit in verständliche Worte zu fassen. Niemals hatte er ein Verbrechen begangen, niemanden getötet oder denunziert, und dennoch rechnete er auch mit der eigenen Vergangenheit schonungslos ab. Im Jahr 1935 war er mit seiner Mutter, der Kommunistin Susanne Leonhard, vor den Nationalsozialisten in die Sowjetunion geflohen. Schlimmer hätte es für den jungen Emigranten nicht kommen können. Seine Mutter wurde im Herbst 1936 verhaftet und für zwölf Jahre in ein Arbeitslager nach Workuta verbannt, er selbst erlebte als Schüler in Moskau, wie im Jahr 1937 Lehrer und Freunde verschwanden und erschossen wurden, wie die Paranoia von den Menschen Besitz ergriff. Im Sommer 1941, nach dem Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion, wurde er mit anderen Deutschen nach Karaganda im Norden Kasachstans deportiert. Er schlug sich als Lehrer durch, erhielt einen Studienplatz an der Komintern-Schule in Ufa, wo er zum kommunistischen Funktionär ausgebildet wurde. Nach 1945 war er an der Sicherung der Macht in der sowjetischen Besatzungszone beteiligt. Aber schon in der Sowjetunion war er zum Zweifler geworden. Es gab kein Land in Europa, in dem die Klassenunterschiede größer, Armut und Gewalt schlimmer waren. Leonhard wollte Kommunist bleiben, aber kein Stalinist mehr sein. 1949 floh er nach Jugoslawien.

Er war ein Mann des Gewissens, der Zyniker nicht ertragen konnte. Seine Erinnerungen an das Leben in der Sowjetunion Stalins, die im Jahr 1955 unter dem Titel Die Revolution entläßt ihre Kinder erschienen, legen davon Zeugnis ab. Gewöhnlich verbergen Memoiren mehr, als sie enthüllen. Leonhards Erinnerungsbuch aber war in seiner Aufrichtigkeit beispiellos: ein Jahrhundertwerk über den Menschen im Ausnahmezustand, das niemals vergessen sein wird. Am vergangenen Sonntag ist Wolfgang Leonhard im Alter von 93 Jahren gestorben.