Es war cineastische Symbolpolitik: Jean-Luc Godard, 84, und Xavier Dolan, 25, der älteste und der jüngste Regisseur des Festivals, teilten sich den Jurypreis der diesjährigen Filmfestspiele von Cannes. Fünf Filme hat Dolan bisher gedreht, in dreien spielt er selbst mit, die Filmwelt feiert ihn als Wunderkind. Es war nicht nur eine schöne, sondern auch eine inhaltliche Pointe, den Altmeister Godard gemeinsam mit dem frankokanadischen Wirbelwind Dolan auszuzeichnen. Dolan kennt die Filmgeschichte in- und auswendig und hat von der Nouvelle Vague deren unakademisches, ausgelassene Zitatenspiel übernommen. Wie frei und zugleich abgedreht dieser junge Regisseur erzählt, zeigt sich schon an den ersten beiden Einstellungen seines Films Sag nicht, wer du bist! Statt Tränen in Großaufnahme zu filmen, lässt Dolan Tinte zerfließen. Allerdings auf schnödem Küchenpapier, ein profaner Kontrast zu den berührenden Worten einer nie gehaltenen Trauerrede. Es folgt die Überhöhung auf der ganzen Linie: Die Kamera schwingt sich in die Vogelperspektive, und das melancholisch aus dem Autoradio tönende Chanson Les moulins de mon cœur legt sich über die Weite einer Landschaft aus exakt quadratischen Feldern. Am Steuer sitzt ein junger Mann, der dramatisch die Lippen zu Michel Legrands Lied bewegt.

Der junge Werbeagent Tom ist auf dem Weg zu der Beerdigung seines tödlich verunglückten Geliebten Guillaume. Als er auf dem einsamen Hof von dessen Eltern ankommt, wechselt der Sound ins Bedrohliche. Offensiv und voller Freude spielt hier ein Regisseur mit den Gefühlen des Zuschauers. Mit Erfolg. Von nun an sieht man sich im Kinosessel selbst beim Fürchten zu. Nebel zieht auf. Wie tot wirkt die von Guillaumes Mutter mit strenger Hand geführte Farm. Diese Frau, die die Homosexualität ihres Sohnes nicht wahrhaben wollte und immer noch stur verdrängt, wirkt, als sei sie aus einem Hitchcock-Film an Dolan ausgeliehen worden. Schon bei der Begrüßung nimmt sie Tom in emotionale Haft, nötigt ihn zu bleiben. Auch die Kamera verweigert von nun an den Blick in die Ferne.

Auf hintersinnige Weise variiert Xavier Dolan das Motiv des Städters, der in die Fänge feindlich gesinnter Landbewohner gerät. Denn hier trifft der Kinohorror auf den realen Horror der Homophobie. Gespielt wird der stets ängstlich dreinblickende Tom übrigens von Xavier Dolan selbst. Mit seinen blutig abgekauten Nägeln, der wilden, blonden Haarmähne und den traurigen Augen sieht er aus wie eine Mischung aus Punk und Engel. Von diesem Wesen fühlt sich Guillaumes Bruder Francis angezogen, kann sich aber aufgrund seines superheterosexuellen Selbstbildes dem latent Begehrten nur mit Fäusten und Gewalt nähern. Im Gegenzug ist es gerade dieses extreme physische Auftreten, das Tom fasziniert und ihn dazu bringt, sich auf ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel einzulassen. Als waghalsige Stilmischung, zwischen Familiendramen, Misthaufen, Melkmaschinen, und leidenschaftlichen Tangoeinlagen, erzählt Dolan diese exzessive Liebesgeschichte – und wird seinem Ruf als Enfant terrible des internationalen Autorenkinos auf kühne Weise gerecht.

Dem jungen Jean-Luc Godard hätte der Film sicherlich gefallen.