Krim-Raub, Terrorkrieg in Nahost, Putins Pranke auf der Ukraine, Obamas Rückzug aus der Weltpolitik: Ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall verschiebt sich die Tektonik der deutschen Außenpolitik, und in Berlin künden nicht nur die Seismografen von dieser gar nicht braven neuen Welt. Erstaunliches bahnt sich an, jedenfalls in der politischen Klasse, die neuerdings eine größere Rolle zu proben beginnt.

Den Auftakt lieferte der Bundespräsident, als er vor einem halben Jahr von dem "Wandel" sprach, der "an bundesdeutschen Gewissheiten nagt". Und fragte, ob das Land "seinem Gewicht entsprechend" reagiere. Ganz anders Vox Populi. Das Gros der Bevölkerung plädiert nach wie vor für "ohne uns". Sieben von zehn Befragten lehnen Waffenlieferungen in das irakische Kriegsgebiet ab (August 2014). Bei der Frage, ob Deutschland sich in internationalen Krisen "stärker einmischen" solle, ist der Widerwillen in den vergangenen zwanzig Jahren sogar kräftig gewachsen – von 37 auf 60 Prozent (April 2014).

Anderseits fällt auf, dass eine alte Säule – der Entspannungsimperativ gegenüber Moskau – zu wanken beginnt. Drei Viertel der Deutschen – eine überraschend hohe Zahl – gaben im Juli zu Protokoll, ihr "Vertrauen zu Russland" sei "eher gesunken".

Im politischen Raum wächst der Realismus manchmal mit der Distanz zum Amt. Bei den Grünen markiert der frühere Spitzenkandidat Jürgen Trittin geradezu eine Zeitenwende. In der jüngsten Spionageaffäre fordert er "weniger Wehleidigkeit, mehr eigene Aufklärung und bessere Spionageabwehr". Die "Sicherheit Deutschlands" stehe im Grenzgebiet Türkei-Nahost auf dem Spiel. Dass der BND dort aufkläre, sei "seine Aufgabe".

Doch auch unter den Amtsträgern ändert sich die Sprachregelung. Für die Verteidigungsministerin gilt mit Blick auf die Massaker von Isis: "Wenn sich ein Völkermord nur mit deutschen Waffen verhindern lässt, dann müssen wir helfen." Der Außenminister sagt es kodiert: "Wir schließen nichts aus, schauen, was möglich ist, und tun, was nötig ist – so schnell, wie das nur irgend möglich ist." Steinmeier kennt die Meinungsumfragen; umso überraschender – und mutiger – sind deshalb seine Parolen.

Steht dahinter eine neue Strategie? Die Frage lässt sich getrost verneinen. Strategie erfordert Mittel und Ziele. Jenseits von Waffenlieferungen (Deutschland ist der drittgrößte Exporteur der Welt) fehlen dem Land die Mittel zur Machtprojektion: Lufttransporter, Schiffe, hoch bewegliche Kräfte, Abstandswaffen, Schlachtfeldaufklärung. Angesichts eines Militäretats, der sich im Verhältnis zum BIP seit der Vereinigung halbiert hat, werden die Gelder so schnell nicht kommen.

Die Interessen? Die Bundesrepublik hat ein Menschenalter lang zu gut im Schatten der Weltpolitik gelebt, um plötzlich als Großmacht aufzutreten. Bloß: Die Einschläge kommen näher, und die alte Ordnungsmacht Amerika will ihre Lasten abschütteln. Prinzipiell: Die Nachfrage nach Sicherheit steigt, das Angebot sinkt. Diese Schere erklärt die neue Sprache in Berlin. Nur: Demokratien definieren über Nacht keine neuen Interessen; sie debattieren und experimentieren. Solange es geht, wägen sie ab, um Steinmeier zu variieren, zwischen dem Nötigen und dem Möglichen. Sie handeln klüger, als es die Staaten im August 1914 getan haben.