Das Gespräch läuft eine halbe Stunde, da knipst Anna Prohaska zum ersten Mal ihren ganz eigenen Ausdruck an: Sie streckt den Rücken, schürzt die Lippen, hebt Kinn und Augenbrauen. Das sind nur Nuancen, aber es ist, als habe sich das Licht verdunkelt, als würde eine Wolkenwand direkt unter ihrer sorgfältig gelegten Frisur aufziehen. Da steht diese junge, fleißige und begabte Koloratursopranistin für einen Moment in der Mittagssonne und sieht ihr Gegenüber an wie die böse Königin das Schneewittchen. Als der Fotograf die Kamera sinken lässt, verpufft dieser Eindruck. Sie hat wieder umgestellt von Bühnengesicht auf Betriebsamkeit, auf total nett, auf Interview. Als wäre nichts gewesen: eine 30-jährige Sängerin, die über ihre neue CD sprechen will, Behind the Lines. Eine CD, auf der sie Kriegslieder singt. Ausgerechnet.

Ein Lied wie In Flanders Fields zum Beispiel, 1919 geschrieben von Charles Ives auf einen Text von John McCrae, das zwischen dem Sinn und der Sinnlosigkeit des Krieges changiert, wie das ganze Album. Prohaska lässt hier Pathos in Hoffnungslosigkeit zerbröseln, die Sängerin als Soldatin, die in Tonlosigkeiten abrutscht, hymnisch wird, verzweifelt, trauert. Auch das sind nur Nuancen, aber auch sie erzeugen Lichtwechsel, Schatten. "We are the dead", heißt es in dem Lied, "short days ago / we lived, felt dawn, saw sunset glow, / loved and were loved, and now we lie / in Flanders fields."

Der Erste Weltkrieg, klar. Das Jubiläum ist Anlass für die Veröffentlichung ihrer CD, eines Konzeptalbums (wie man solche Anthologien seit einiger Zeit gerne auch in der Klassik nennt). Das Programm ist zwar nicht eingängig. Aber Anlässe, die Lieder zu präsentieren, gibt es viele. Ein PR-Kalkül, das Ganze, könnte man meinen. In der Ankündigung heißt es dann noch, dies sei Prohaskas bislang "persönlichste" CD. Für eine junge Frau aus Deutschland mit österreichisch-englisch-irischen Wurzeln, 2014?


Wenn sie erklärt, wie es zu dem Album kam, wirkt Anna Prohaska, als sei sie eher unfreiwillig in dieses Business-Timing geraten. Als stamme sie in Wahrheit aus einer Zeit, in der Sängerinnen noch nicht, in Satinbettwäsche gewickelt, Arien singen, die ihnen Veranstalter abverlangen. Sondern als rumpelte sie im Schaustellerwagen von Auftritt zu Auftritt, um ihre Geschichten zu erzählen.

Das Ganze sei ihr eigenes Ding, von der Stückauswahl bis zur Dramaturgie, betont sie. Schon als Jugendliche habe sie sich für den Ersten Weltkrieg interessiert, Bücher gewälzt und Lieder dazu gesammelt. Es reicht ihr eben nicht aus, schöne Arien zu singen.

Damit gehört sie zu einem kleinen Kreis junger Sänger, die ihre eigenen Ideen im Kopf haben, nach denen sie Stücke sammeln und Produzenten überreden, sie genau so umzusetzen. Für ihre Debüt-CD Sirène – Arien und Lieder über Nymphen und andere Wasserwesen – hat Prohaska so lange nach einem Produzenten gesucht, bis sie am Ende sogar zwei hatte.

Wir verabreden uns an einem Dienstagvormittag im Viktoriapark in Berlin-Kreuzberg. Normalerweise treffe man sie vor Mittag nicht an, sagt Prohaska, ausgeschlossen. Sie braucht den Schlaf, ihre Stimme braucht ihn, dieser Sopran, der metallisch klingen kann und beweglich ist wie eine kleine Viper. Aber jetzt hat sie Theaterferien, was nicht unbedingt heißt, dass sie Ferien macht. Um sechs Uhr ist sie aufgestanden, hat sich große schwarze Balken um die Augen geschminkt wie zu ihren besten Gothic-Zeiten (die sie tatsächlich hatte) und ihre Haare in einer Wasserwelle um den Kopf legen lassen. Dann ist sie in den Deutschen Bundestag gefahren, eine Feierstunde zum 100. Jahrestag des ersten Weltkriegs. Ist im Plenarsaal die Treppe hinuntergeschritten, in einem Anzug, der aussieht wie eine Uniform. Hat sich vor die versammelten Eminenzen und Verfassungsorgane neben den Flügel gestellt, man kann sich das auf einem Video ansehen, hat ihren Blick in die Ferne schweifen lassen und eines der Soldatenlieder gesungen, In Flanders Fields. Wenige Stunden später spricht sie so ausdauernd darüber, als habe sie sich dort, im Zentrum der Politik, genau richtig gefühlt. Als wollte sie partout nicht eingeschlossen sein zwischen Kulisse und Samtsesseln, eingeschlossen in der Musikwelt.

Der Wasserfall im Viktoriapark plätschert, ein schattiger Ort, auch ein ernster, geschichtsträchtiger, passenderweise. Ein Kriegerdenkmal, das an die Freiheitskriege gegen Napoleon erinnert. Der erste Eindruck im Gespräch mit Anna Prohaska entspricht dem, den auch ihre Facebook-Fotos vermitteln: Ihre Natürlichkeit ist sagenhaft. 30 Jahre alt, Ensemblemitglied an der Berliner Staatsoper, international gefragte Solistin – und trotz dieser Wahnsinnskarriere fliegt sie nicht aus der Kurve. Bleibt auf dem Boden. Wie macht sie das?