Mit seinem Adlerblick sucht Marcello Negrini das Bachbett der Bondasca ab. Er hält Ausschau nach besonders rund geschliffenen Steinblöcken. Dann streckt er den Zeigefinger: "Hier ist einer, und da noch einer." Negrini ist Revierförster und Berater bei Naturgefahren im Bergell. Die runden Blöcke, die er sucht, stammen aus einem Seitental der Bondasca. Im Dezember 2011 krachte dort hinten, am Piz Cengalo, ein gewaltiger Bergsturz in die Tiefe. Rund zwei Millionen Kubikmeter Fels brachen vom Berg, das entspricht dem Volumen von 2.500 Einfamilienhäusern, und hinterließen eine riesige Geröllhalde.

So spielt das Leben im Bergell, dem ebenso wilden wie idyllischen Südbündner Tal, das jäh wie ein Abgrund jenseits des Malojapasses nach Italien abfällt. Hier erheben sich spektakuläre Kletterberge wie der Cengalo oder der Piz Badile, während tief unten auf dem Talboden südliche Edelkastanien wachsen.

Doch als im folgenden Sommer ein nächtliches Unwetter tobte, hausgroße Felsbrocken über drei Kilometer und 1.000 Höhenmeter durchs Bondasca-Tal rumpelten und von der freigesetzten Kraft rund geschlagen wurden, bekamen es die sonst so stoischen Bergeller mit der Angst zu tun. Bis vor das Dörfchen Bondo spülte es die Brocken. Man spürte ein Zittern, als bebte die Erde. Der Zeltplatz an der Bondasca musste mitten in der Nacht evakuiert werden, und in den Hausgärten am Bachufer türmte sich das Geröll.

"Der Bergsturz hat eine neue Gefahrenlage geschaffen", sagt Martin Blum vom Amt für Wald und Naturgefahren des Kantons Graubünden. Blum steht neben seinem Kollegen Negrini auf einer Brücke bei Bondo. Unter ihnen plätschert friedlich die Bondasca. Ein Lichtsignal erinnert an die verheerende Sommernacht; eine Warnanlage oben im Bondasca-Tal wird die Ampel bei der nächsten Flut auf Rot stellen, damit niemand mehr die Brücke quert. Und am Ufer des Bachs zeigen Profilstangen, wo bald ein massiver Betonriegel gegen das Hochwasser gebaut wird.

Die beiden Experten blicken hinauf zum Piz Cengalo. Der Bergsturz schien sich damals in sicherem Abstand vom bewohnten Gebiet abzuspielen. Umso größer war nach Monaten trügerischer Ruhe der Schrecken, als das Geröll bis ins Tal gespült wurde. Seither sind die alten Gewissheiten über die Gefahr erschüttert. Die Fachleute rätseln über die Ursachen des Felssturzes. Und einige Bewohner von Bondo fragen sich: Braucht es diese Mauer wirklich? Oder will man unser Dorf hinter eine Stadtmauer sperren?

Auf einem schmalen Sträßchen fahren Negrini und Blum hinauf ins Bondasca-Tal. Den Talkessel, wo sich die riesige Geröllhalde am Fuß des Cengalo ausdehnt, erreichen sie zu Fuß. Es riecht nach Thymian, am Wegrand locken wilde Himbeeren. Als der Regenvorhang aufreißt, gibt er den Blick frei auf die brüchige Granitwand des 3300 Meter hohen Bergs. Deutlich erkennt man helle Abbruchflächen. Immer wieder poltern Felsblöcke herunter. "Der Cengalo ist ein unruhiger Berg", sagt Negrini. Und schüttelt den Kopf über die Wanderer, die dennoch die Viale, den gesperrten Weg am Fuß des Berges, begehen: "Das ist lebensgefährlich."

Zuerst bemerkte man den Abbruch am Cengalo im fernen Zürich. Der Erdbebendienst der ETH registrierte am 28. Dezember 2011 im Bergell einen Erdstoß mit einer Magnitude von 2,7. Am Tag danach sah Geologe Yves Bonanomi aus dem Helikopter, dass auf 3.000 Meter Höhe eine bis zu 50 Meter dicke Granitplatte weggebrochen war. Die Abbruchfläche glitzerte eisblau. Offenbar war Permafrost mit im Spiel.

Die Klimaerwärmung lässt die Grenze des ganzjährig durchgefrorenen Fels in die Höhe klettern. Wo er auftaut, wird der Berg instabil. Masten und Gipfelstationen von Bergbahnen stehen nicht mehr sicher, bisher verschonte Talböden sind nun von Steinschlägen und Bergstürzen bedroht. Der Abbruch am Cengalo aber gab Rätsel auf: "Wenn ihn wirklich auftauender Permafrost ausgelöst hat", fragt sich Geologe Bonanomi, "warum ereignete er sich dann im Winter?" War der Auslöser doch nicht eher Wasser, das in Klüfte des Bergs einsickerte, gefror, sich also ausdehnte – und den Fels schließlich wegsprengte?

Deshalb steht der Cengalo nun unter besonderer Beobachtung; zusammen mit anderen Bergen im Rahmen des Projekts "Permafrost und Bergstürze" der länderübergreifenden Arbeitsgemeinschaft Arge Alp. Zehn Kantone, Bundesländer und Provinzen der Schweiz, Österreichs, Italiens und Deutschlands gehören ihr an. In der schneefreien Zeit wird der Cengalo von einem Messpunkt auf einer Moräne unterhalb des Bergs mit hochempfindlichen Radar- und Lasergeräten überwacht. Auf den sogenannten Distanz- und Volumenscans erkennt man kleinste Felsbewegungen im Millimeterbereich. Und sie zeigen: Die Wand des Cengalo neigt sich weiterhin, neue Abstürze sind wahrscheinlich.

"Wir wissen aber nicht, was in den Felsklüften genau abläuft", sagt Marcia Phillips vom Schnee- und Lawinenforschungsinstitut SLF in Davos. Phillips ist beim Arge-Alp-Projekt die Permafrostspezialistin. Weil es zu gefährlich ist, konnte man bis jetzt keine Eisproben aus einer Abbruchwand holen. Deshalb lässt sich auch nicht belegen, wie es zu den Abstürzen am Cengalo kommt: ob das sich verändernde Alteis der Grund ist, also der Permafrost, oder das neu gefrorene Eis. Man wisse aber, dass die Wärme von der Felsoberfläche, die im Sommer aufgeheizt wird, im Winter langsam ins Innere des Berges wandere, erklärt Phillips. Und wenn das Permafrosteis sein Volumen und seine Struktur verändere, könne dies gewaltige Sprengkräfte entfalten.