Wenn alle Reden gehalten sind und die Mousse au Chocolat aufgegessen ist, wenn es schon ein bisschen langweilig zu werden beginnt, weil so viel Freundlichkeit auch keinen ganzen Abend trägt, begeben sich die Präsidenten Frankreichs und Deutschlands in den Vorführraum und sehen sich diesen Film an. Es ist eine Art Spätwerk des Regisseurs Volker Schlöndorff (Die verlorene Ehre der Katharina Blum, 1975; Deutschland im Herbst, 1978). Schlöndorff trommelt heute für Angela Merkel. Natürlich gibt es keine "Staatskunst" in der Bundesrepublik, wo kämen wir hin, aber gelegentlich gibt es Kunstwerke in einem ganz bestimmten, von offizieller Seite stark erwünschten Geist. Diplomatie ist ein solches.

Doch man muss nicht fürchten, manipuliert zu werden, eher, sich gepflegt zu langweilen, denn man begleitet Schlöndorff beim Graben nach der Wurzel der deutsch-französischen Freundschaft. Es geht tief in die Geschichte hinab. Und wieder, wer hätte es gedacht, kommt man im Zweiten Weltkrieg raus.

Diplomatie ist ein Kammerspiel, ein kleines Drama, das im Krieg und als Krieg beginnt, sich des zivilisierteren Mediums eines discours bedient und schließlich den Frieden gebiert. Es spielt in der Nacht vom 24. auf den 25. August 1944 in einer Suite des Hôtel Le Meurice in Paris, wo der letzte deutsche Stadtkommandant Dietrich von Choltitz auf seinem Schreibtisch die hysterischen Telegramme des Führers ordnet. Der Führer will wissen, ob Paris endlich brenne, sein "Trümmerfeldbefehl" kam am 23. August. Für den kommenden Tag ordnet von Choltitz die Sprengung der Seine-Brücken an, der Oper, des Louvre, des Eiffelturms und so fort. Die Alliierten rücken von der Normandie aus in Richtung Reich vor, niemand kann sie mehr aufhalten, der Krieg ist längst verloren. In Berlin regieren Irrsinn und Zerstörungswahn.

Und plötzlich steht da der Herr Nordling im Raum. Eine Tapetentür hat ihn an den Wachen vorbeigezaubert. Raoul Nordling ist schwedischer Generalkonsul in Paris, vor allem aber ein leidenschaftlicher Liebhaber der Stadt. Er zwingt den deutschen Militär, der eigentlich nur noch eine soldatische Ruine ist, zum Zuhören, später bringt er ihn sogar ins Reden. Er zeigt ihm Paris im rosigen Sonnenaufgang, er erinnert an Dinge, die von Choltitz vergessen und verdrängt hatte, Schönheit, Humanität, Leben, die Cafés auf den Boulevards, die Liebespaare an den Flussufern, und als der Tag glüht und die Artillerie am Stadtrand wieder einsetzt, bringt er den General endgültig davon ab, den alles vernichtenden Befehl zu erteilen. Schlöndorff inszeniert das mit zwei großen französischen Schauspielern. André Dussollier spielt den Nordling erst spröde, fast dämonisch, später gefühlvoll, ganz der Spiegel des Inneren seines Widersachers. Fast noch bewegender ist Niels Arestrup als von Choltitz, zuerst schroff und auf deutsche Weise tragisch, ein Pflichtmensch, in dem es rumort und der dann aufweicht, eher resigniert, als dass er sich in seiner Entscheidung gefiele.

Spannend ist das alles nicht. Es ist vielmehr ein Film, der sympathisch altmodisch von der Schauspielerei und der Psychologie lebt, ein klassisches Gewissensdrama, beinahe an Reinhold Schneider erinnernd, ein historisches Lehrstück ebenso, die fiktive Erklärung dafür, warum Adenauer und de Gaulle sich später auf den Weg einer Aussöhnung machen konnten.

In Wirklichkeit sind die Umstände der Kapitulation von Choltitzens nicht vollständig geklärt. Es soll damals im August Verhandlungen mit Nordling gegeben haben, aber keinesfalls gab es eine finale Unterredung im letzten Moment. Plausibel ist auch, dass die Deutschen in ihrer zusammenbrechenden Front gar nicht mehr genug Feuerkraft besaßen, um eine Stadt von dieser Größe zu zerstören. Die Résistance kontrollierte bereits weite Flächen von Paris. Dietrich von Choltitz gehörte später zu den wenigen deutschen Offizieren, die für ihre Kriegsverbrechen Verantwortung übernahmen. Er starb 1966 hoch geehrt in Baden-Baden.

Gleichwohl hat man das Gefühl, bei Schlöndorff werde der alte Mythos von der im Kern ehrenhaften Wehrmacht noch einmal aufgewärmt, vielleicht wider Willen und aus den Zwängen des Genres heraus. Diplomatie basiert nämlich auf dem gleichnamigen Theaterstück von Cyril Gély, lebt also von der dramatischen Zuspitzung, und ganz gelingt es Schlöndorff nicht, einen Film daraus zu machen. Es knallt und pufft, und die deutschen Soldaten brüllen ihre Kommandos – trotzdem hat man als Zuschauer den Eindruck, man verlasse den Guckkasten einer Bühne nicht. So wie das konstruiert ist, müssen hier notgedrungen zwei große Männer Geschichte schreiben. Und sie tun es. Hier wird ein Geist beschworen. Die Realität war wohl weniger eindeutig: schmutziger, getriebener, seelenloser. Der Eindruck, den der Film hinterlässt, bleibt also zwiespältig. Mögen sich die Präsidenten der Republiken dabei gut unterhalten. Und hinterher erst mal einen Schnaps trinken.