Der Krieg am ukrainischen Grenzübergang Nowoasowsk im Südosten des Landes bricht zur Mittagszeit aus. Alles scheint so wie immer. Es ist Freitag, der 22. August. Wind rauscht sanft durch die Blätter der hohen Pappeln, die zu beiden Seiten die Straße säumen. Wie schon seit Wochen warten wieder Menschen in einer langen Autoschlange auf die Ausreise nach Russland, darunter viele Familien mit Kindern. Sie fliehen vor dem Krieg in der Ostukraine. Sie meinen, er sei weit weg, die Front ist 120 Kilometer entfernt.

Es geht nur schleppend voran. Die ukrainischen Grenzbeamten beugen sich zu den offenen Seitenfenstern hinunter, um die Pässe zu sehen, sie schauen ins Gepäck und in die Kofferräume. Gegen Viertel nach zwölf bricht auf der Straße plötzlich Panik aus. Hunderte Menschen beginnen zu rennen, stürmen auf den Grenzübergang zu, den südlichsten der Ukraine, direkt am Asowschen Meer, den einzigen bisher noch sicheren in der Region. Sie laufen auf das blaue Dach mit dem goldenen Dreizack zu, das Symbol der Ukraine, das in wenigen Stunden zerstört sein wird.

Wir, das Team der ZEIT, sind zum Grenzübergang Nowoasowsk gefahren, weil es hier noch so etwas wie Normalität geben soll zwischen den beiden Nachbarländern im Fast-Kriegszustand. "Nowoasowsk ist fest in unserer Hand", hieß es aus Kiew. Doch nichts in der Ostukraine ist in fester Hand. In nur zwei Kilometer Entfernung rattern jetzt Maschinengewehre. Die Straße ist von Unbekannten von beiden Seiten unter Feuer genommen worden. "Die Rebellen schießen aus den Wäldern!", ruft ein Familienvater, der mit seinem Wagen in die Grenzstation rast. Knapp ist er auf der Straße dem Kreuzfeuer entkommen. Ein ukrainischer Panzer beginnt das Feuer zu erwidern, seine Granaten schlagen im Gehölz ein. Granaten der Gegenseite explodieren auf den Feldern vor uns. Das trockene Gras beginnt zu brennen. Asche und Staub hüllen die Grenze zwischen Russland und der Ukraine ein. Wir suchen Schutz im Straßengraben. Eine Stunde verbringen wir dort. Dann wird es wieder still. Die Menschen kehren zu ihren Autos zurück, stehen schweigend auf der Fahrbahn und sehen mit ihren Kindern auf die lange leere Straße, die zurück in die Ukraine führt.

Der Übergang Nowoasowsk wird an diesem Tag geschlossen, eine weitere Verbindung zwischen Russland und der Ukraine ist gekappt. Am Montag, dem 25. August, überquert an dieser Stelle eine gepanzerte Kolonne die Grenze. Wie aus dem Nichts taucht sie auf, offenbar aus Russland kommend, und bedroht die ukrainische Hafenstadt Mariupol. Die Kampftruppen tragen die Fahne der Rebellenrepublik Donbass, können aber nur vom russischen Territorium aus in die Ukraine eingefallen sein. Die Regierung in Kiew behauptet, bei den Angreifern handele es sich um Spezialkräfte des russischen Militärs. Fakt ist: Ohne Duldung Russlands können die Truppen nicht auf ukrainisches Territorium gelangt sein. Tausende flüchten jetzt auch aus dieser Region, nun in die entgegengesetzte Richtung, nach Westen. Drei Monate nach Beginn der Kämpfe eskaliert der Konflikt und droht zum offenen Krieg zwischen der Ukraine und Russland zu werden.

Nachdem die prorussischen Rebellenmilizen große Teile der Ostukraine im Frühsommer in Besitz genommen hatten, war es den neu aufgestellten ukrainischen Truppen bis in den August gelungen, sie auf die Bezirke von Donezk und Lugansk zurückzuwerfen. Dort halten sich jetzt die Rebellen in zwei Kesseln, in der Ausdehnung zirka 160 Kilometer lang, die zum Teil an Russland grenzen. Die Russen versorgen sie – vielen Indizien zufolge – mit militärischem Nachschub.

Beide Seiten verbreiten in diesem Krieg Gerüchte und Falschmeldungen. Wir beschließen, in die belagerte Metropole Donezk zu fahren, knapp eine Million Einwohner zu Friedenszeiten, fünftgrößte Stadt der Ukraine, Hauptstadt der von den Rebellen ausgerufenen "Volksrepublik Donezk". Sie ist von ukrainischen Einheiten umschlossen, aber nicht abgeriegelt.

Die Landschaft vor Donezk ist zernarbt. Schützengräben und Unterstände durchziehen sie, die meisten von ihnen verlassen. Die Ketten von Panzern haben den Asphalt der Trasse wellig gewalkt. Wir passieren auf Nebenstraßen etliche frühere Frontstellungen der Ukrainer und der Rebellen. Wir sehen betrunkene ukrainische Soldaten, die willkürlich Autos stoppen, passieren zerstörte Panzer, die in den vergangenen Tagen in Brand geschossen wurden.

Der letzte ukrainische Checkpoint ist nur mit vier Mann bestückt, dann menschenleeres Niemandsland, dann, in einem Wald, der erste Posten der Rebellen, zwei mit Sandsäcken geschützte Unterstände links und rechts der Straße, deren Asphalt vom Muster explodierter Granaten gesprenkelt ist. Auch einige der Rebellen sind betrunken. "Mein Großvater hat Dutzende Deutsche erschossen", sagt einer von ihnen. Sein Kommandant winkt uns durch.