Der Figaro und Libération sind wie der Teufel und das Weihwasser, reaktionär und (zumindest ursprünglich) revolutionär – zwei Blätter mit unvereinbaren Traditionen. Doch nun das: Am Dienstag dieser Woche trugen beide Zeitungen den gleichen Titel: "Regimekrise".

Nanu? Präsident François Hollande war doch gerade seinen lästigen, Deutschland-kritischen Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg losgeworden. Dafür hatte es des Rücktritts der Regierung von Premierminister Manuel Valls bedurft. Aber schon am Tag danach stand eine neue Regierung unter Valls – ohne Deutschland-Kritiker. Die Pariser Börsenkurse stiegen, und Angela Merkel wünschte Hollandes Reformpolitik gutes Gelingen. War nicht alles auf besserem Wege?

Eben nicht. Sondern: Regimekrise! Die Doublette von Figaro und Libération brachte die neue Wahrheit der französischen Politik zum Vorschein. Links oder rechts, darum geht es nicht mehr. Zu desaströs ist die Bilanz des linken Präsidenten Hollande und seines rechten Vorgängers Nicolas Sarkozy. Stattdessen lautet die Frage so, wie sie der soeben geschasste Bildungsminister Benoît Hamon stellt: Wer schafft es 2017, im zweiten Durchgang der Präsidentschaftswahlen die rechtsradikale Marine Le Pen zu bezwingen? Dass sie aus dem ersten als Siegerin hervorgeht, das steht beinahe fest.

Seit den Europawahlen ist der Front National unter Le Pen in allen Umfragen die stärkste Partei Frankreichs. Nie zuvor war die extreme Rechte, die es in Frankreich immer gab, der Macht aus eigener Kraft so nah wie heute. Das verändert Frankreichs politische Landschaft. Deshalb zum Beispiel provozierten die linken Minister Montebourg und Hamon ihren Rauswurf: Sie wollen an die Spitze einer nach links gewendeten sozialistischen Partei, um mit ihr die Rechtsradikalen zu schlagen. Beifall bekamen sie jedoch ausgerechnet von Le Pen: Die Globalisierungs-, Europa- und Berlin-Kritik der sozialistischen Parteilinken entspricht ihrer eigenen bis aufs Komma.

Über 80 Prozent der Franzosen kritisieren laut Umfragen Hollandes Regierungsführung, über 80 Prozent haben kein Vertrauen in seine Wirtschaftspolitik: alles potenzielle Le-Pen-Wähler. Frankreich findet nicht aus seiner Wirtschaftsmisere, der Präsident müsste handeln, doch mit welcher Mehrheit? Die linke ist zerbrochen, die rechte existiert nicht – auch wegen Le Pen. Ein Vorgänger Hollandes, der konservative Jacques Chirac, konnte 1997 nach dem Scheitern seiner Wirtschaftspolitik Wahlen einberufen und anschließend mit einem linken Premierminister weiterregieren. Für ein umgekehrtes Szenario aber ist die Rechte heute zu schwach, weshalb sie strikt gegen cohabitation ist. Also muss Hollande die Reihen um sich schließen, statt sie zu öffnen. Die neue Regierung gleicht auch personell einer Kampfkompanie – mit dem Hardliner Valls an der Spitze, der in der eigenen Partei nur eine Minorität vertritt.

Das kann nicht gut gehen. Valls will im Parlament die riskante Vertrauensfrage stellen, womöglich muss die Regierung den nächsten Haushalt per Dekret durchsetzen: die politische Krise vertieft sich; käme am Ende Le Pen an die Macht, würde diese Krise zur Katastrophe für Europa.