Vibration liegt in der Luft, eine surrende, an den Nerven zerrende Erregung, wie sie nur einmal alle fünf Jahre bei den ansonsten eher öden Parteitreffen aufkommt. Wir befinden uns auf dem Nominierungsparteitag im Vorfeld der Landtagswahl. Er ist sozusagen der Schlussakkord in einem langen Stück aus Versprechungen und Intrigen, Siegen und Niederlagen, Eindrucksbildung und Proporzkalkül, Demütigungen und Gehorsamsbekundungen – gleichsam die letzte Szene eines mehrjährigen Aktes im großen Polit- und Possenspiel. Er wird erweisen, ob das "Networking" funktioniert hat.

"Habe ich", so fragt man sich beispielsweise beklommen, "den Prager Frühling, das Magazin für Freiheit und Sozialismus der Parteivorsitzenden Katja Kipping abonniert, wie sie es dir in einem langen Brief angeraten hat? Bist du wenigstens Fördermitglied im Verein Freundinnen und Freunde des Prager Frühlings e. V. geworden?"

Nein? Das ist jetzt aber ganz schwierig, denn es könnte als mangelnde Loyalität verstanden werden.

Freundlich lächelnd, so, wie man sich vielleicht eine Sozialisten-Göttin vorstellen mag, schwebt die rote Katja grazil durch den Saal, grüßt huldvoll ihre Getreuen oder führt mit einer ehemaligen Hoffnungsträgerin, die inzwischen aber gescheitert ist, auf der kleinen Bank hinter einer Wand ein anscheinend seelsorgerliches Gespräch, bei dem die Körperhaltung der beiden seltsam an einen Beichtstuhl erinnert. Sichtlich nervös, manche leichenblass und am ganzen Körper zitternd, vergewissern sich alle noch einmal ihrer über das "Netzwerken" wirklich oder vermeintlich gewonnenen Truppen. (...) Heute gibt es nur noch Freunde oder Feinde. Und böse Überraschungen. Denn manches Mal entpuppt sich der als sicher geglaubte Unterstützer in Wahrheit als Gegner.

(...) Dem Machterhalt dieser Netzwerke dient auch der schnelle und umfassende Austausch von Informationen, die Äußerungen oder Handlungen jener "Genossinnen und Genossen" betreffen, die als "Widersacher" oder als Teile von "widerständigen Lagern" identifiziert wurden. Dazu entwickeln manche Funktionäre über Jahre eine feine Sensorik, bauen Netze von Informanten auf, "organisieren" und sammeln beinahe in Geheimdienstmanier belastendes Material, steigern sich in Extremfällen in Miss- trauen und Paranoia. Im Umgang werden derlei Aktivitäten für die Betroffenen kaum spürbar, sehen sie sich doch mit aufgesetzter Freundlichkeit konfrontiert, die etwa aus demonstrativen Umarmungen, schmeichelnden Erwähnungen oder liebevollen Gruß- und Anredeformeln besteht.

Der überwiegende Teil der Parteibasis arbeitet in völliger Unkenntnis der Vorgänge auf der Funktionärsebene. (...) In abgegrenzten Schutzräumen, die (informelle) Netzwerke, Klüngelrunden, Strömungen und Zusammenschlüsse bieten, können die Funktionsträger ohne Rechtfertigungsdruck im eigenen Sinne agieren. Umfassende parteiinterne Transparenz – sicherlich eine utopische Vorstellung – oder zumindest deutlich mehr Offenheit führte wohl zu substanziellen Verwerfungen, Desillusionierung und Motivationsverlust. Einstweilen engagieren sich Tausende Mitglieder an der Basis mit Idealismus und aus ehrlichen Motiven weiter für "ihre Partei" und deren Interesse, oft im festen Glauben, dies könne auch auf der Führungsebene keinesfalls anders sein.