An einem warmen Frühsommertag sitzt Deutschlands Internetbotschafterin Gesche Joost in Eschborn neben einem Manager von Microsoft und ärgert sich. Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat zu einer Konferenz zum digitalen Wandel eingeladen. Der Manager erzählt, dass er in Kenia vier Schulen mit Breitband und digitalen Laboren ausgestattet habe. In Mosambik wolle er nun auch mehr investieren. Die Internetfirma leistet Entwicklungshilfe, was tut der Staat? Gesche Joost runzelt die Stirn.

Hinterher, beim Mittagessen, beklagt sie sich darüber bei Jörg Asmussen, dem Staatssekretär im Arbeitsministerium. "Wenn die Politik so weitermacht, verschläft sie den Wandel komplett!", sagt Joost. Asmussen seufzt: "Bei uns im Arbeitsministerium haben wir immer noch den IG-Metall-Arbeiter vor Augen." Sie reden über den Job der Kassiererin, den es in zehn Jahren nicht mehr geben wird, und über die Ratlosigkeit in Berlin beim Thema digitaler Wandel.

Die gesellschaftlichen Veränderungen durch das Internet werfen viele Fragen auf, die niemand beantworten kann. Außenpolitiker diskutieren, ob es vor allem aufstrebenden Demokratiebewegungen nützt oder autokratischen Regierungen. Lehrer fragen sich, ob es ihre Schüler dümmer oder klüger macht. Journalisten streiten, ob es ein Segen oder Fluch für die Meinungsfreiheit ist. Es ist ein wichtiges Thema, so viel ist klar. Aber wie soll man es angehen?

Eine Weile dachten die Spitzenpolitiker, es reiche, für den Wahlkampf ein Facebook-Profil zu erstellen. Seit dem Aufkommen der Piraten und den Enthüllungen von Edward Snowden hat sich ihre Meinung geändert. Die Parteien haben netzpolitische Arbeitskreise gegründet und parlamentarische Kommissionen eingerichtet. Nach der Bundestagswahl diskutierten die Koalitionspartner, ob Deutschland ein Internetministerium braucht. Joost galt als aussichtsreiche Kandidatin dafür.

Am Ende entschied sich die Regierung dagegen und gab ihr den seltsamen Titel Internetbotschafterin. So als sei Joost eine ausländische Diplomatin aus einem fremden Land: dem Neuland. Es ist ein Amt ohne Macht oder Ressourcen, ein Ausdruck von politischer Unentschlossenheit: Einerseits schmückt sich die Regierung mit Joost als Repräsentantin einer jüngeren, moderneren Welt. Sie soll den Bürgern ein sperriges Thema nahebringen, die Ministerien beraten und der Regierung die netzpolitischen Ziele der EU vermitteln. Andererseits entscheiden aber andere, was davon umgesetzt wird und was nicht.

Drei Minister sind nun damit beauftragt, eine deutsche Internetpolitik zu entwickeln. Vergangene Woche stellten Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, Infrastrukturminister Alexander Dobrindt und Innenminister Thomas de Maizière ihre digitale Agenda in der Bundespressekonferenz vor: Es ging um Breitbandausbau, Start-up-Förderung und Verschlüsselungstechniken. Eine große Strategie war darin nicht zu erkennen. Weil Joost nicht anwesend war, fragten mehrere Journalisten auf Twitter verwundert nach. "Habe nicht mitgearbeitet", antwortete Joost. – "Weil nicht gefragt worden?" – "Genau."

Die künftige Gesellschaft - Das Ende der E-Mail: Eine Utopie der Kommunikation von morgen

Zwei Monate nach ihrem Amtsantritt hält Joost bei der Bloggerkonferenz Republica eine Rede. Sie findet jeden Mai in Berlin statt, der Hauptstadt der Netz-Community. Die Leute, vor denen Joost spricht, engagieren sich beim Chaos Computer Club, bei der Piratenpartei oder der digitalen Gesellschaft. Es sind Nerds, die sich mit ihren Twitternamen ansprechen, in den Pausen programmieren und mehrheitlich männlich sind. Von Politikern halten sie nicht viel. Als der Blogger Sascha Lobo eine mit "WTF Merkel"-Slides unterlegte Wutrede gegen die Regierung und ihre Haltung im NSA-Skandal hält, feiern sie ihn wie einen Popstar. (WTF steht für What the fuck.)

Gesche Joost ist anders als die anderen hier. Sie zeigt zu ihrem Vortrag Bilder von einem Handschuh und von einer Strickjacke. Es sind Arbeiten von ihren Studenten, im Hauptberuf ist Joost Professorin für Designforschung an der Universität der Künste. Der Handschuh ist mit Sensoren versetzt, sodass Gehörlose per Handalphabet Nachrichten bekommen und verschicken können. Die Strickjacke ist aus leitendem Garn und ermöglicht es Schlaganfallpatienten, in Notsituationen durch eine einfache Handbewegung den Krankenwagen zu rufen. Joost selbst trägt einen blauen Blazer zum rot-weiß gestreiften Hemd, ihr Bob ist leicht verwuschelt. Sie spricht frei und ins Publikum hinein; nach ihrem Designstudium hat sie in Rhetorik promoviert.

Joost hat das Gefühl, dass die Internetdebatten oft von Angst und Misstrauen geprägt sind

Was Joost ihren Zuhörern da präsentiert, ist eine neue Sicht auf ihre Welt. Wo die Piraten von Liquid Feedback sprachen, redet Joost von der inklusiven digitalen Gesellschaft, die ältere und benachteiligte Menschen einschließt. Wo Sascha Lobo vor der Überwachungsgesellschaft warnt, möchte sie Schülern programmieren beibringen. In ihren Augen dient Technik den Menschen, nicht andersherum. Vielleicht hat sie diese Perspektive, weil sie eine Frau ist. Und vielleicht hört man diese Sicht so selten, weil es bei den Hackern, Piraten und einflussreichen Bloggern vor allem Männer sind, die übers Internet reden.

Nicht, dass sie den Arrogante-Nerds-Sprech nicht auch beherrschen würde. "Wir können nicht darauf warten, bis die, die vom Internet keine Ahnung haben, irgendwann tot sind!", ruft Joost. Applaus. Seit dem Scheitern der Piraten sehnen sich auch die Netzaktivisten nach einem Botschafter, der ihre Sprache spricht und mit den Ministerien, den großen Medien und der Öffentlichkeit kann. Nach jemandem, der eben nicht so ist, wie sich Merkel und Co. die Freaks aus dem Internet vorstellen.

Wie viele ihrer Generation hat sich die 39-jährige Joost nie für Parteien interessiert. Manchmal benutzt sie immer noch das Adjektiv "öde", wenn sie von Politikern spricht. Es war Peer Steinbrück von der SPD, der sie erst in seinen Berater- und dann in sein Kompetenzteam holte. Nachdem er sie auf einer Pressekonferenz vorgestellt hatte, schrieben einige Journalisten, dass Steinbrück durch Joost nur sein schlechtes Standing bei Frauen verbessern wolle. Hat es sie geärgert? Ja, nein, sie schüttelt die Frage mit einem Lachen ab. Was hat sie an der Rolle gereizt? "Man kann nicht immer auf die Politiker schimpfen und selber nichts machen", sagt Joost. In die SPD ist sie erst im Mai eingetreten.

Joost hat das Gefühl, dass die Internetdebatten in Deutschland oft von Angst und Misstrauen geprägt sind. Dass die Politiker gern vor den Gefahren der Massenüberwachung warnen, aber zu wenig von den Chancen von Big Data reden. Tatsächlich ist es erstaunlich, dass die vielleicht wichtigste Frage zum Netz von den Verantwortlichen in Berlin nicht einmal formuliert wird: Wie verändert das Internet unsere Art zu arbeiten?

Buchhändler, Hotelbesitzer, Taxifahrer und Journalisten sehen ihre Jobs bedroht. Andere freuen sich: Es sind nicht nur Programmierer und Statistiker, sondern auch Selfmade-Journalisten oder Studenten, die entdeckt haben, dass man durch die Vermietung der eigenen Wohnung auf der Plattform Airbnb ziemlich viel Geld verdienen kann. Wer smart und vernetzt ist, gewinnt. Aber was ist mit allen anderen?

Wenn Gesche Joost über die Zukunft der Arbeit nachdenkt, denkt sie an ihren eigenen Arbeitsplatz. Das Design Research Lab der Berliner Universität der Künste besteht aus einem Gruppenraum mit einem langen Holztisch und einer Schaukel, hinter einer Glaswand erstreckt sich ein Großraumbüro mit Nähmaschinen, Werkzeugkästen und Computern. An den Wänden kleben bunte Bilder von Handys, die Jugendliche aus Neukölln designt haben, und Notizen auf Englisch. Es ist alles sehr offen, sehr spielerisch. Manchmal kochen sie hier alle zusammen.

In Zukunft, glaubt Joost, werden viele Menschen nicht mehr angestellt sein. Sie erzählt von ihren Bekannten aus der Designer- und Künstlerwelt, die flexibel und projektbezogen arbeiten und bei denen die Grenzen zwischen Job und Freizeit manchmal so stark verschwimmen, dass es in die Selbstausbeutung führt. Die Frage ist, ob der Staat in dieser neuen Arbeitswelt dieselbe Funktion übernehmen kann wie in der alten, wo er Gelder umverteilt, Arbeitslose unterstützt und bestimmte Branchen subventioniert.

Gesche Joost weiß die Antwort auf diese Frage nicht. Sie würde sich gern tiefer damit beschäftigen, sagt sie, und die Debatte pushen. Aber vielleicht brauchte es dafür dann doch eine Reihe von Dingen, mit denen zwar Minister ausgestattet sind, Botschafter aber nicht.