Margot Käßmann, die gefallene EKD-Ratsvorsitzende, beherrscht die Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie. Wummern muss, wer auffallen will, aber das ist nur der Strategie erster Teil. Man muss, zweitens, den Hochsitz der Moral erklimmen. Und drittens darf man nur scheinbar gegen den Strom schwimmen. Die wahre Kunst ist der Mut, der nur so tut, der in der Gewissheit des kommenden Beifalls badet.

Die unbedingte Friedfertigkeit ist so eine sichere Bank. Also kennt Käßmann keinen gerechten Krieg, auch nicht in Zeiten, da der Islamo-Terror mit verdoppelter Blutrunst von Tripolis bis Mossul wütet. Noch sicherer wird es mit einer Prise Nationalpazifismus. Am Zweiten Weltkrieg fällt Käßmann (wie ganz Rechten) als Erstes nicht der moralisch zwingende Sieg über die Nazi-Bestie auf, sondern die "Schuld" der Alliierten, die "Städte voller Flüchtlinge bombardiert und Frauen vergewaltigt" haben. Vergessen sind Ursache und Wirkung, dazu Warschau und Coventry.

Ihr Vorbild für Deutschland sei Costa Rica, das auf eine Armee "verzichtet" habe, gefolgt von Schweden und Schweiz. Der rhetorische Trick liegt auch hier im Weglassen. Die beiden Neutralen waren im Kalten Krieg allenfalls vorbildliche Trittbrettfahrer, wussten sie doch, dass die Nato ihre Sicherheit gegen die Sowjetunion garantierte. Auch Costa Rica lebt unter dem Schirm der USA.

Ein weiterer Kniff ist die falsche Frage: "Müssen wir uns schämen dafür", dass so "viele Menschen unter Krieg und Hunger, Flucht und Vertreibung leiden?" Wir nicht. Schämen müssten sich die Killer: IS und Al-Nusra, dann die Schia-Kollegen, die Sunna-Moscheen zerbomben, und schließlich alle zusammen, wenn sie Christen zu Tode jagen.

Was wir tun sollten? "Beten." Und "spenden". Und Flüchtlinge aufnehmen. Beten aber ersetzt selten moralisch gebotenes Handeln, und Spenden helfen nicht den Gemordeten. Die Ex-Bischöfin vertraut auf Gott; der wird schon dafür sorgen, dass die "Menschen den Frieden lernen". "Schwerter zu Pflugscharen" prophezeite Jesaja (2:4) vor 2800 Jahren, Gott nimmt sich also Zeit damit, "die Völker zurechtzuweisen". Kurden, Jesiden und Christen sterben hier und heute.

Ein Detail, denn in Wahrheit sei es recht einfach, "Konflikte zu vermeiden oder zu schlichten. Man muss es eben nur wollen." Ein Prediger darf das Wünschenswerte voraussetzen, ein Politiker nicht – das ist der zentrale Denkfehler. IS, gegen den Al-Kaida ein Amateurverein ist, will nicht "Schlichtung", sondern Terror und Vernichtung. Und die unterlassene Hilfeleistung ist sowohl religiöse als auch weltliche Sünde. Nur gewichtige Gründe schaffen mildernde Umstände: die fehlenden Mittel, Lebensgefahr für den Retter, die Aussichtslosigkeit des Unterfangens.

Doch argumentieren Pazifisten nicht in der realen Welt. Und so entleibt sich ihre Moral selber. Willentlich oder nicht sagt der absolute Pazifist, dass er bereit sei, alle anderen Werte zugunsten der Gewaltlosigkeit zu verraten: Menschenpflicht, Beistand, wo geholfen werden kann, Notwehr gegen Blutrunst und Gemeinheit. Der Pazifist kennt nur das eine Übel, der wahre Moralist quält sich in der Wahl zwischen dem größeren und kleineren. Das Böse hinzunehmen ist letztlich Unmoral. Wie heißt es doch in der Bibel: "Wer dem Geringen Gewalt tut, lästert dessen Schöpfer; aber wer sich des Armen erbarmt, der ehrt Gott" (Sprüche 14:31).