Wer in Berlin vor die Tür tritt und einen Haufen Gerümpel erblickt, kann nie sicher sein: Ist das ein neues In-Café? Ein innovativer Ansatz der Sozialpolitik: Heilen durch teilen? Oder doch bloß der Sperrmüll vom Nachbarn? Im ersten Fall lässt man sich hineinplumpsen, im letzteren Fall stellt man seinen Müll einfach dazu. Am vergangenen Montag begann in Berlin nach sechs Wochen Ferien die Schule. Am Dienstag erholten sich Gymnasiasten bei ersten Ausflügen in den Zoo. Eltern wurden über den bevorstehenden Studientag informiert. Studiert wird da allerdings nicht, alle haben frei. Einen Eröffnungstermin für den sogenannten Flughafen BER traut sich schon lange keiner mehr zu nennen. Scheint aber irgendwie auch egal zu sein.

Es sei schwer, den richtigen Zeitpunkt für einen Abschied zu finden, hat Klaus Wowereit am Dienstag gesagt, als er seinen Rücktritt verkündet hat. Für ihn sei er nun da. Für die Stadt ist er gerade noch rechtzeitig gekommen.

Wie ein satter, gut gelaunter Kater blickte der Regierende auf seine Stadt

Alles so schön entspannt hier!, denken Besucher, wenn sie nach Berlin kommen. Berlin ist die wahrscheinlich beruhigendste Großstadt der Welt. Der Verkehr fließt hier langsamer als in London oder Rom, irgendwo findet sich noch immer eine schöne preisgünstige Wohnung, ein "Event", bei dem sich ein Wein schnorren lässt, und überall finden sich Leute, die noch schlechter gekleidet sind als man selbst und die einem das wohlige Gefühl vermitteln: Reicht doch.

Niemand hat diese Entspanntheit so gut verkörpert wie Klaus Wowereit. Arm, aber sexy, der Spruch passte Ende der neunziger Jahre kongenial zur neuen alten Hauptstadt Berlin und ihrem Bürgermeister. Niemand allerdings hat auch so gut wie Wowereit die kleine fiese Schwester der Entspanntheit verkörpert: die Bräsigkeit, die wenig mit Toleranz und viel mit Gleichgültigkeit zu tun hat. Das spektakulär misslungene Einkaufszentrum Alexa auf dem Alexanderplatz entlockte Wowereit einst den Ausruf: Was für ein hässlicher Klotz! Wer dafür denn bloß verantwortlich sei, wollte "Wowi" wissen. Er selbst.

Woher soll ich das wissen?!, pampte er angesichts von Terrordrohungen gegen Deutschland, wenn er auf die Sicherheitslage in der Hauptstadt angesprochen wurde. Und als die Stadt wochenlang über die Rütli-Problemschule und das Thema Migration debattierte, erklärte der Bürgermeister verständnisvoll, wenn er Kinder hätte, würde er sie auch nicht nach Kreuzberg schicken. Die Immerwiederverschiebung der Flughafeneröffnung, die Wowereit bei seiner Rücktrittserklärung am Dienstag selbst als größte Niederlage eingestand, führte das Prinzip Wowereit schließlich ad absurdum: Der Bürgermeister, der für die Aufsicht verantwortlich gewesen wäre, trat zurück, um später wieder die Aufsicht zu übernehmen. Nicht weil er der Beste gewesen wäre, sondern weil es sonst keiner wollte oder konnte.

Man könnte es das Wowereit-Paradox nennen: Je mehr Wowereit und Berlin eins wurden, desto weniger schien der Regierende etwas mit dem zu tun zu haben, was in der Stadt nicht ganz so glänzend lief. Klaus Wowereit, der stets wie ein satter, gut gelaunter Kater auf seine Stadt geblickt hat, war zuletzt ein bisschen zu satt. Und ein bisschen zu wenig gut gelaunt.

Mit seinem Coming-out als Homosexueller hat Wowereit die politische Kultur in Deutschland mehr verändert als tausend grüne Onlinepetitionen zur Sexualpädagogik. Nach zehn Jahren großkoalitionärem Filz und mitten in einem geerbten Bankenskandal hat er die maroden Stadtfinanzen wenigstens ein bisschen saniert. Der Bewohner des im Osten der Stadt gelegenen Lichtenberg lässt sich auch heute noch selten im westlichen Charlottenburg blicken und umgekehrt, aber 25 Jahre nach dem Mauerabriss ist Berlin keine geteilte Stadt mehr, jedenfalls nicht entlang der Ost-West-Grenze. Auch dazu hat Klaus Wowereit einen wichtigen Beitrag geleistet, nicht zuletzt mit seiner rot-roten Koalition. Lange hat er die Stadt zu einer mit Zukunft gemacht: jung, dynamisch, weltoffen.