Es war ein Experiment: Am Montag dieser Woche sollten sechs Spitzenkandidaten zur sächsischen Landtagswahl nicht etwa in einem TV-Studio miteinander diskutieren – stattdessen hielt sich jeder von ihnen an einem anderen, selbst gewählten Ort in Sachsen auf und wurde von dort aus live zugeschaltet, um auf Fragen der Moderatoren zu antworten. Die Idee war aus der Not geboren, weil CDU-Ministerpräsident Stanislaw Tillich die Einladung zu einer gemeinsamen Runde ausgeschlagen hatte. Hat die Sendung funktioniert? Und was konnte man als Beobachter aus ihr lernen? Fünf Thesen

1. Der MDR geht endlich souveräner mit der NPD um. Fernsehinterviews mit Rechtsaußen-Politikern gehen oft in die Hose. Zu sehen war das vor wenigen Tagen, als NPD-Fraktionschef Holger Szymanski im MDR- Sachsenspiegel zu Banalitäten befragt wurde (liebstes Hobby?); und recht unbehelligt erläutern durfte, wer seiner Ansicht nach ein echter Deutscher ist. Bei der Wahlshow nun waren die Moderatoren kritischer – und schlagfertiger. Die Frage etwa, wie die NPD sich Geschichtsunterricht über die NS-Zeit vorstelle, brachte Szymanski kurz aus der Fassung.

2. Die Idee, Politiker von Orten ihrer Wahl aus zuzuschalten, funktioniert nicht. "Stanislaw Tillich ist uns aus der Oberlausitz zugeschaltet, vom Bischofswerdaer Berggasthof Butterberg." Klingt eher kurios. Was es mit der Ortswahl auf sich hatte, blieb meist unklar. Jeder Politiker durfte sich jubelndes Parteivolk im Bildhintergrund postieren. Das erinnerte etwas an kommunistische Eigenarten: Wer da als Landtagsabgeordneter in der ersten Reihe stehen durfte, wird wohl nach der Wahl einen wichtigen Posten bekleiden ...

3. Es gab keine Debatte. Die Kandidaten trugen ihre Argumente in Kurzreferaten vor. Insbesondere die Eingangs-Statements in einer Länge von jeweils 1,45 Minuten waren ein Wortschwall, dem man nur schwer folgen konnte. Selten konnten sich die Kandidaten auch aufeinander beziehen. Aber Widerrede war kaum möglich. Selbst dann nicht, als Holger Zastrow (FDP) behauptete, Sachsens Erfolg sei die Frucht seiner Arbeit.

4. Die Sendung war eine Einladung zu übertriebener Selbstdarstellung. Am meisten hat dies Martin Dulig geschadet. Der 40-Jährige, der als großes Talent der SPD gilt, wirkte überdreht. Dass er sich nicht – wie die anderen Kandidaten – von einem öffentlichen Ort zuschalten ließ, sondern aus der Küche seines Moritzburger Hauses? Das passte zwar zu seinem extrem persönlichen Wahlkampf, wirkte in der Sendung aber skurril. Er hatte sich Gäste an seinen Küchentisch geholt, darunter seine Ehefrau und einen VW-Arbeiter; aber die saßen stumm dabei wie Pappkameraden.

5. Die alten Hasen waren auch diesmal die Sieger. Die besten Rhetoriker waren zwei Kandidaten mit viel Wahlkampfroutine: Antje Hermenau (Grüne) war perfekt vorbereitet; sie wies bei passender Gelegenheit etwa darauf hin, dass ihre Partei schon 2008 vor der Modedroge des Wahlkampfs 2014, Crystal, gewarnt habe. "Jetzt brauchen wir wieder die Suchtberatung, die damals gestrichen worden ist", sagte Hermenau. Sie holte die Zuschauer das eine oder andere Mal aus jenem Schlaf, in den Stanislaw Tillich seine Zuhörer bisweilen gesäuselt hatte. Andererseits trat Tillich derart staatstragend auf, dass er viele Bürger überzeugt haben dürfte.