Vom Brüllen zum Schweigen – Seite 1

Nein, sie blutet nicht. Sie hat sich nicht mit einer Glasscherbe ein Pentagramm in den Bauch geritzt. Hat sich nicht an den Haaren gerissen, ist nicht mit voller Wucht gegen die Wand gelaufen, wieder und wieder. Musste sich nicht mit dem Messer in die Hand stechen. Und geschrien, so lang und laut, bis ihr die Stimme versagt, hat sie dieses Mal auch nicht. Eigentlich hat Marina Abramović, die berühmteste und wohl auch unerbittlichste aller Performance-Künstlerinnen, in diesem Sommer rein gar nichts getan. Und doch sei sie noch niemals erschöpfter gewesen als jetzt, sagt sie, erschöpft von einem schier endlosen Nichts.

"Ich bin so froh", sagt sie, auf ihrem Stuhl zusammengesunken, die schwarzen Haare straff zurückgebunden, "ich bin so froh, dass es jetzt vorüber ist." Immer wieder wird sie sich im Gespräch mit beiden Händen über Stirn und Wangen fahren, ein Streicheln, eine Selbstermunterung. Sie hat alles gegeben, wie es schon immer ihre Art war. "Ich habe zwölf Kilo abgenommen", sagt sie und schaut dabei nicht mehr ganz so müde aus. Sie lächelt sogar, das mädchenhaft kecke Lächeln einer 67-Jährigen.

Winterblass ist ihre Haut, drei Monate lang war sie nicht vor der Tür, war immer hier in dem kleinen Museum, der Serpentine Gallery, die wie ein Landhaus mitten in London, mitten im Hyde Park liegt. Es war der richtige Ort für Marina Abramović, für eine Radikalität, wie sie die Kunstwelt so noch nicht kannte: bereichernd im Verzicht, erfüllend in der Stille. Was anfangs wie ein vages Experiment erschien, von dem man nur wusste, wie lange es dauern sollte, genau 512 Stunden, von dem lässt sich jetzt, am Ende, sagen: Abramović ist gelungen, was nur selten gelingt, in ihrer Kunst hat die Gegenwart zu sich selbst gefunden. In ihr gewann die Sehnsucht nach Berührung, nach innerer Einkehr einen Raum. Und wenn die Soziologen von einem neuen, einem postmateriellen Zeitalter sprechen, dann zeigt sich dieser Postmaterialismus wohl nirgendwo klarer als hier bei Abramović. Ihre Kunst verheißt, was sich für Geld nicht kaufen lässt: Besinnung auf das eigene Ich.

"Es ist überwältigend", sagt sie. "Nie hätte ich gedacht, dass sich so viele Menschen darauf einlassen würden. Vor allem nicht hier in England, Sie wissen schon. Da bleibt man lieber reserviert, verschanzt sich im Zynismus." Doch der Einladung dieser Künstlerin scheint sich kaum jemand entziehen zu können. Über drei Monate hinweg öffnet sie jeden Morgen, pünktlich um zehn, die gläsernen Flügeltüren der Galerie, tritt hinaus, als wäre sie hier die Hausherrin, und begrüßt jeden Besucher, jede Besucherin, schaut sie an, gibt ihnen die Hand. "Ich bin für sie da", sagt sie, "ich verstecke mich nicht, ich mache mich verfügbar."

Eine Geste der Demut, so will sie das verstanden wissen. Alle sollen sehen, sollen wissen, dass sie auch jetzt noch, wo sie so berühmt ist, wo Robert Redford ebenso für sie schwärmt wie Lady Gaga, wo sie vom Time Magazine zu den hundert wichtigsten Menschen des Jahres 2014 gewählt wurde, wo sie sich selbst schon fast wie eine Marke fühlt, wie Coca-Cola, wie sie sagt, allbekannt, allgegegenwärtig, dass sie trotz alledem dem Hier und Heute verhaftet und verpflichtet bleibt. Denn das zählt für sie: nicht austauschbar zu sein, nicht flüchtig, nicht das Image ihrer Selbst.

Marina Abramović ist gegenwärtig, sie beglaubigt ihre Kunst

In einer Kunstwelt, in der so vieles beliebig erscheint, in der viele Künstler wie Handelsvertreter um die Welt gondeln und es ihnen am Ende gleichgültig ist, ob sie ihre Werke in Singapur, Kassel oder Boston zeigen, setzt Abramović auf Verbindung und Verbindlichkeit. Sie ist gegenwärtig, sie beglaubigt ihre Kunst: mit einem Handschlag, einem Gruß.

Erst einmal geht es nun hinein in die Dekompression, der Druck muss raus. Lauter Stahlschränke an den Wänden, wie im Fitnesscenter sieht es aus, und alles muss weggeschlossen sein, was den Menschen sonst so oft beherrscht, was ihn angebunden hält und angespannt, die Handys, Kameras, Uhren. "Wir sind", sagt Abramović, "zu unseren eigenen Sklaven geworden." Früher lehrten Peitschen Gehorsam, heute gibt es Smartphones.

Befreit von aller Technik, sind es jetzt nur noch ein paar Schritte, schon steht man mittendrin in dieser, ja, wie soll man es nennen? Eine Ausstellung ist es nicht, eher schon eine Ausleerung, die Wände kahl, nichts gibt es zu betrachten. Auch Performance wäre für das, was Abramović hier unterbreitet, der falsche Begriff, denn es gibt niemanden, der etwas vorführen, etwas zelebrieren würde. Es gibt keinen Anfang, kein Ende. Es gibt keinen Plan, kein Script. Nur Menschen, die seltsam entrückt mitten im Raum stehen, auf den Ohren dicke Kopfhörer, die allen Schall verschlucken. Viele haben die Augen geschlossen. Denn diese Kunst zu sehen heißt, nichts mehr zu sehen.

"Ich habe lange gebraucht", sagt Abramović, "ein Vierteljahrhundert, bis ich mich das getraut habe." Sonst stand sie oft im Mittelpunkt, schrubbte Rinderknochen, peitschte sich auf den Rücken wie eine Flagellantin, entblößte ihren Leib und forderte die Besucher auf, ihn mit Schere, Skalpell oder Rosendornen zu traktieren. Als Soldatin der Kunst sah sie sich, und nie war ganz klar, gegen wen sie kämpfte: gegen ihren eigenen Körper oder gegen die Trägheit des Publikums. "Es war", sagt sie und seufzt einmal schwer, "eine andere Zeit."

Geboren im kommunistischen Jugoslawien, die Tochter zweier Parteifunktionäre, die nie Zeit hatten, immer in der Pflicht, immer unterwegs waren, die ihre Marina, so erinnert sie es, nie herzten, nie küssten, wurde sie zu einer Künstlerin des Durch- und Aushaltens. Sie zeigte Schmerz, sie wollte gesehen werden, von allen. Das war auch vor vier Jahren noch so, als sie im Atrium des New Yorker MoMA Platz nahm und tagein, tagaus nichts anderes tat, als ihren Blick zu heben und die Besucher, die sich ihr gegenübersetzten, aus dunklen Augen anzuschauen. Sie sah und wurde gesehen. Vielen kamen die Tränen, erfüllt von dem Gefühl, aus der Masse herausgehoben und erblickt zu werden, gemeint zu sein. Es war keine Audienz, es war eine Optienz, ein Moment schweigenden Anerkennens.

Jetzt, in London, hat Marina Abramović die vertraute Rolle der Mater dolorosa, die für uns leidet, abgelegt. Sie ist zugegen, doch nicht länger richten sich alle Blicke auf sie. Sie geht auf in der Menge der Besucher, und wenn sie aktiv wird, dann so wie ihre acht Helferinnen und Helfer, auf fast beiläufige Weise.

"Am Anfang", sagt sie, "war da eine gewisse Scheu, die Briten mögen es nicht so, wenn man sie an der Hand fasst." Nun aber scheint es ganz selbstverständlich. Viele Besucher kommen immer wieder, sie haben sich eingestimmt, schließen von ganz allein die Augen, lassen die Arme hängen, stehen reglos mitten im Raum oder schauen die weißen Wände an, minutenlang. Manchmal hebt einer die Arme, manchmal wippt jemand hin und her, manchmal kommt die Künstlerin und nimmt einen an der Hand, und dann steht man gemeinsam dort und hält, ja was? Andacht? Was längst aus den Museen verschwunden schien, kehrt hier zurück – die Kontemplation, das Innehalten, das Nachsinnen. Abramović nennt es die Kraft der Kunst.

Manchmal hatte sie in den Nebenräumen des Museums auch ein paar Stühle oder Feldbetten aufgebaut, manchmal sollten die Besucher einen Haufen von Reis und Linsen auszählen, um sich so selbst herauszuziehen aus ihrer Lebenshatz. Jetzt aber, wo es sich herumgesprochen hat, wie verführerisch diese Kunst der Verlangsamung sein kann, und manche, die nur für 15 Minuten bleiben wollten, am Ende vier Stunden im Museum verbrachten, jetzt braucht es keine Hilfsmittel mehr. Es gibt das Stehen, und es gibt in einem Nebenraum das gedehnte Gehen. Jeder, der möchte, schreitet von Wand zu Wand und zurück, so unschnell, so unstrebend wie irgend möglich. Wie im Traum, lauter Menschen, die aus der Zeit zu rutschen scheinen. Nichts zu erreichen, nichts zu tun, das ist draußen, im wahren Leben nicht vorgesehen. Hier drinnen wird es zum tieferen Sinn, und viele, die kommen, fühlen sich wundersam entlastet.

"Sie glauben nicht", sagt Abramović, "wie viel Leid ich sehe, wie viel Angst und Verzweiflung." Jeden Tag erreichen sie Dankesbriefe, ganze Kartons hat sie damit angefüllt. Es schreiben Menschen, die sich berührt und gestärkt fühlen, ein Mann schrieb, sein Krebsleiden sei plötzlich geheilt gewesen. "Das", sagt sie, "ist mir ein wenig unheimlich. Wir sind ja hier nicht in Lourdes."

Die Kraft der Kunst scheint eine befriedende Kraft zu sein

Nein, keine Bekehrung, keine Predigt im Namen der Kunst, sie will kein Guru sein, nicht die heilige Marina der ausgebrannten Seelen. Sie will nur, dass die Menschen sich einlassen auf sich selbst. Sie möchte, dass sie sich öffnen, sich vielleicht sogar verwandeln. Und wenn nun über Hunderttausend Besucher stundenlang angestanden haben, nur um einmal in das stumme Nichts dieser Kunst einzutreten, dann wohl nicht zuletzt deshalb, weil Marina Abramović diese Verwandlung für ihr eigenes Leben geglückt ist. Vom Brüllen zum Schweigen, vom Wüten zur Sanftmut, von der Selbstverletzungs- zur Selbstheilungskünstlerin, ein langer Weg.

Wie ihr das gelungen ist? Da lacht sie erheitert. "Mein Lieber", sagt sie, "ich mache das ja schon 40 Jahre. Und wo mir schon sonst nichts gelungen ist, ich keine Kinder habe, meine Ehen zerbrochen sind, musste mir das zumindest glücken."

Von manchen allerdings wird sie nun auch verhöhnt, als wilde Milde. Ihre Kunst, das sei doch nur noch buddhistisch angehauchtes Wellnessgeplänkel. Längst sei Abramović zum Abziehbild ihrer selbst geworden. Besonders wurde ihr verübelt, dass sie nun in New York, wo sie lebt, ein eigenes Institut gründen will und dafür sehr viel Geld einsammelt. Sogar für addidas hat sie kürzlich einen Werbespot gedreht und dafür eine ihrer frühen Performances markenturnschuhtauglich neu inszeniert. Verrät sie da nicht ihre Ideale?

"Ja", sagt sie, dann sagt sie "nein". Sie höre die Kritik, aber verstehen könne sie das nicht. "Da ist viel Neid im Spiel. Ich werde regelrecht gekreuzigt. Dabei fließt alles Geld in die Stiftung. Ich selbst habe von meinem Vermögen über zwei Millionen Dollar gegeben." Sie plant ein Museum für Performance, sie will zeigen, dass auch diese Kunstform der Flüchtigkeit von Dauer sein kann. "Aber meine Kritiker verstehen das nicht. Sie nörgeln herum, dabei will ich doch das Bewusstsein der Welt verändern!" Und mit einem Lachen schiebt sie hinterher: "Mindestens der Welt!"

Marina Abramović ist es todernst, nie aber ist ihr der Ernst so heilig, dass sie nicht darüber spotten könnte. Nein, sie wolle aus dem Museum keinen Aschram machen. Sie bahne auch nicht einem Kunstglauben den Weg. All diese Vorwürfe findet sie absurd. "Vielleicht wird ein religiöser Mensch hier seine Religiosität wiederentdecken", sagt sie, fast flüsternd jetzt. "Doch ein Psychiater wird es anders erleben als ein Hirnforscher, es gibt da keine höhere Macht, ein jeder begegnet sich selbst." Und obwohl es nicht schwerfällt, über diese neue Innerlichkeit abschätzig zu lächeln, sie zu kritisieren als eine Spielart des neoliberalen Zwangs zur Selbstoptimierung, greifen die Vorbehalte doch zu kurz. Es steckt ja einiges an Kritik in den leeren Räumen: an der allgemeinen Kunstüberfütterung, an der Oberflächlichkeit des Betriebs, an Künstlern, die sich nur um sich selbst drehen. Abramović bricht mit dem Gewohnten, sie unterläuft die üblichen Grenzen. Bei ihr gibt es plötzlich kein Publikum mehr, keine Trennlinie zwischen Akteuren und Betrachtern. Jeder ist Akteur, jeder Betrachter, jeder für sich und zugleich als ein Teil der Kunst, geeint im Schweigen und Schreiten. So viel Harmonie mag mancher klebrig und kitschig finden, doch wenn überhaupt, ist es ein Kitsch mit umwälzender Wirkung.

"Ich hatte gedacht", sagt Abramović, "dass es viel mehr Widerstand, viel mehr negative Gefühle geben würde." Doch nie kam ein Besucher auf die Idee, den Reis und die Linsen in die Menge zu werfen, statt ihn sorgsam zu sortieren. Nie gab es Schreien und Stampfen. Die Kraft der Kunst scheint eine befriedende Kraft zu sein. Und selbst für jene, die das Museum am Ende unberührt wieder verlassen, schwingt doch die überraschende Erkenntnis mit, dass es so etwas wie eine Radikalität der Sanftmut geben könnte.

Als Marina Abramović dann wie an jedem Abend die Besucher entlässt, mit einem Händedruck, manche mit einer Umarmung, als sie die Museumstüren abschließt, da scheint nichts mehr übrig zu sein als die eigene Erschöpfung. "Für mich", sagt sie, "gab es keine andere Realität als diese hier drinnen." Ihre Kunst kennt kein Als-ob, und ihr Anspruch, die Kunst möge total sein, alles ergreifen, alles umfassen, hat mächtig an ihr gezehrt. Jetzt will sie vor allem fort, raus aus London, hinaus auf Land. "Und auf keinen Fall irgendjemanden sehen, niemanden, wirklich niemanden." Höchstens den einen oder anderen Baum umarmen, mehr Nähe kann sie nicht mehr ertragen.

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